Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Karl Marx
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 68 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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68 Friedrich Thieberger: sation und Auswanderung allein hinausgeschoben, erst recht nicht auf solche Weise endgültig geregelt werden. Dem Lebenden waren nur wenige äußere Erfolge in größeren Dimensionen vergönnt; er, der das Kommen der sozialistischen Produktionsordnung aus der modernen kapitalistischen als eine unabwendbare Naturnotwendigkeit ansah und für bald erwartete, mußte sich zuletzt mit der systematischen Organisierung der Anfänge der Sozialdemokratie begnügen. Aber sein Glaube, den er als ausgesprochener Intellektueller bloß für tiefere Einsicht hielt, ließ ihn nie am Siege seiner Ideen irgendwie zweifeln; mußte doch nach seiner Meinung dieser Sieg sogar gänzlich unabhängig vom wollenden Schaffen der Menschen, als Frucht der Entwicklung der schon bestehenden Verhältnisse, sich ganz von selbst ergeben. Und hier, in dieser Abwendung vom lebendigen Menschen, in dieser wissenschaftlichen Unterordnung der Seele unter die Kategorien einer schematischen Entwicklung der ökonomischen Verhältnisse, ist Marx allerdings nicht mehr jüdisch, nicht mehr Sohn einer primär religiösen Entwicklung, aus der, ihm unbewußt, seine eigene religiöse Glut als Wurzel seines Wesens und Denkens stammte. Zum lebendigen jüdischen Volkstum hat der schon als Kind der Taufe Zugeführte erst recht nie eine innere Beziehung gehabt; seine Abkehr war vollständig — und echt. Man begegnet öfters in seinen Schriften völlig oberflächlichen und trüben Äußerungen, in denen das Judentum geradezu mit bedenklicheren Formen des Kapitalismus identifiziert wird, oder etwa solchen, nach denen die gesamte heutige Wirtschaftsordnung ihrem Wesen nach jüdisch sei. Es erfüllte ihn mit einigem Mißbehagen, daß die Juden überhaupt noch ,,sich auf die Beibehaltung einer absurden Nationalität mitten im fremden Lande steifen", wie dies sein alter ego, der getreue deutsche Helfer Friedrich Engels, ausdrückt — er selbst spricht gelegentlich ebenso von einer „chimärischen4* Nationalität Trotzdem wäre es eine Verarmung sondergleichen, wenn das Judentum nicht das Recht hätte, Karl Marx als Blut von seinem Blute und Geist von seinem Geiste zu feiern: denn er war unser. Es liegt in der Natur der Dinge, daß ein tiefer jüdischer Geist es war, der die stärkste Verkündung der neuen kommenden Menschheitsordnung zu formen berufen wurde — ebenso wie es in der Natur der Zeit lag, daß diese Verkündung die Formen religiös-ethischer und künstlerischer Schöpfung ablehnte, um sich in strengem wissenschaftlichen Gewände an die bloße Realität der Dinge zu halten. Herman Glenn EIN WORT ZU DEN ERWÄGUNGEN ÜBER RELIGION Ich frage mich oft, warum wir das Problem der Religion nicht mit der geradsichtigen Kühnheit anpacken, mit der wir weit gefährlicheren Problemen begegnen. Man sieht die Religion als gedankliches Objekt ein wenig von der Seite an. Damit meine ich nicht jene verächtlichen Hüter des geistigen Besitzes, die aus Scheu vor der Größe des Gegenstandes oder gar aus Rücksicht gegen heuchlerische und beschränkte Menschenklassen vor diesem Gebiete zurückweichen, sondern ich denke an jene modernen Religionsträger, denen ein skeptisches Gefühl