Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Eine Enttäuschung und ihre Liebe
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 55 (sequence 5)
- Language
- German
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Amitai: Chronik 55 verstrickt. Der Bukarester Friede sei all diesen eine heilsame Ernüchterung und eine Mahnung, weniger als je sich auf die Sympathien der anderen zu verlassen und mehr als je an der eigenen inneren Stärkung der Nation zu wirken. So stark müssen wir werden, daß die Anerkennung unserer Rechte für die Staaten zu einem Gebote ihrer „Interessen" wird; denn noch befindet sich das politische Europa auf jenem primitiven Niveau, auf dem das Gute mit dem Nützlichen (im gröbsten Sinne dieses Wortes) anfängt Vor allem aber bewahren wir, was bei aller politischen Wirksamkeit vor jedem innerlichen Einbezogenwerden in das heutige politische System, zu dem wir seelisch keine andere Beziehung haben können, als die der unbedingten Verdammung. A. —i. CHRONIK Ein Ungeheures vollzieht sich seit Monaten im Osten Europas und hat im Frieden von Brest-Litowsk eine erste, vorerst wenigstens feste Ausdrucksform gefunden: der ZerfallRußlands. Es ändert nichts an der Größe dieses Prozesses, daß die „öffentliche Meinung" nur schwächlich auf ihn reagiert, kühl und fast uninteressiert ihm gegenübersteht, und keine innere Ahnung ihr etwas von dem Unerhörten kündet, das da vor sich geht. Solche Reaktion ist ein Symptom mehr der Instinktlosigkeit unserer Zeit für alles wahrhaft große Geschehen; ein Beweis mehr für die Unwürdigkeit der heutigen Generation, Zeitgenossin (und Teilnehmerin) dieser Ereignisse von höchstem welthistorischen Gehalt zu sein. Was andere, mit tieferem Verständnis für die wahrhafte Bedeutung historischer Prozesse begabte Zeiten mit ehrfürchtigem Staunen und stärkster, erregter Teilnahme miterlebt hätten, — sei es, daß sie es als mythisches Geschehen wie der primitive, als ungeheures Walten des Fatums wie der antike, als göttliches Strafgericht wie der mittelalterliche Mensch aufgefaßt hätten — das bewegt den größten Teil der Zeitgenossen von heute mit dem Kitzel einer Sensation oder läßt sie uninteressiert als ein „Geschäft" der Politiker und Kriegsmacher. Diejenigen aber, die Beruf und Interesse zu einer aktiveren Beziehung veranlassen, sehen in alledem tatsächlich nur so etwas wie eine Gelegenheit zum Geschäftemachen und stürzen sich darauf mit der Gier und wichtigtuerischen Eitelkeit niederer Krämerseelen. Kein Wunder, daß selbst die besseren Geister angesichts dieser Atmosphäre von Mache und Geschiebe, in die das welthistorische Geschehen dieser Jahre hinabgezerrt wird, seinen wahren Inhalt nicht sehen; daß sich so viele der Bessergesinnten angeekelt und aus Reinlichkeitstrieb von seiner Betrachtung abwenden und sich zur uninteressierten Teilnahmslosigkeit zu erziehen suchen. Dennoch: Trotz all dieser jämmerlichen Ahnungslosigkeit einer geistverlassenen Zeit, trotz des gierigen Beuteschnupperns und eitlen Getues ihrer politischen Führer, das man „Interessenpolitik'* nennt, trotz all dieser Kulissen von Geckentum, Raubgier und Krämerei, es bleibt Weltgeschichte größten Inhalts, was sich im Osten vollzieht. Denn wer ist in Wahrheit hohlköpfig und blödäugig genug, im Zerfall Rußlands — sollte er überhaupt als endgültig zu betrachten sein — nur eine jener berühmten „natürlichen Erscheinungen" 2u sehen, die, weil sie „natürlich" sind, weiter kein Staunen hervorrufen und dem aufgeklärten Bürger des 20. Jahrhunderts, der sie als Wirkung des