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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 2 · p. 54

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 2
Article
Eine Enttäuschung und ihre Liebe
Date
1918-01-01
Page
54 (sequence 4)
Language
German
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54 A. —i.: Eine Enttäuschung und ihre Lehre sie noch — bis vor kurzem — die Verbündeten und Waffengenossen Rumäniens waren, mehr Interesse für die Judenfrage aufgebracht? Hat nicht vielmehr Lord Robert Cecil vor Jahresfrist schon auf eine Anfrage im englischen Parlament erklärt, die Gleichberechtigung der rumänischen Juden sei eine innere Angelegenheit Rumäniens? Solche Haltung ist die Folge viel tieferer Übel, ist das notwendige Ergebnis des ganzen heutigen politischen Systems Europas. In allem wird ja ähnlich gehandelt. Sittliche Normen, moralische Prinzipien, menschliche Imperative; gewiß, wer akzeptierte sie nicht? Jeder Staat bekennt sich zu ihnen, jeder Staatsmann proklamiert sie, — bis es zur Anwendung kommt. Selbstbestimmungsrecht der kleinen Völker — ohne weiteres: vorausgesetzt natürlich, daß die Selbstbestimmung den eigenen Wünschen konform ist Keine Annexionen — aber selbstverständlich: nur gilt der Begriff Annexion lediglich für die Gebiete, die man ohnedies nicht kriegen kann. Befreiung der kleinen Nationen — durchaus: doch gelten alle Gebiete, die man erobern kann, eben als befreit. Noch niemals sind so viele sittliche Normen und Werte so grauenhaft verzerrt, entwürdigt, beschmutzt worden wie heute. Nichts ist so heilig mehr, um nicht für die Interessen der eigenen Politik mißbraucht zu werden. Es ist nur ein Spezialfall dieser Grundtendenz des heutigen politischen Systems, was sich bei der Lösung der rumänischen Judenfrage gezeigt hat. Toleranz, Gerechtigkeit, Humanität — aber selbstverständlich. Setzen wir es also feierlich fest: „Die Verschiedenheit des religiösen Bekenntnisses soll keinen Einfluß auf die Rechtsstellung der Einwohner ausüben." Was die Durchführung betrifft, nun, so einigt man sich mit den heftig widerstrebenden Rumänen auf einen Modus, der in Wahrheit eine Parodie auf eine wirkliche Lösung der Frage darstellt. So sind wir wieder einmal enttäuscht worden. Hatten gehofft, ein jahrzehntelanges Unrecht, an dem ganz Europa teil hat, werde gesühnt, werde gutgemacht werden, und sind mit einer schönklingenden Phrase und einer gutmeinenden Bestimmung abgespeist worden, die in Wahrheit keine Beseitigung des Unrechts bedeutet. Man möchte schreien vor Empörung und Zorn und kann es doch nicht. Zu viele sind der Enttäuschungen, die uns bereitet wurden. Man bringt kein Pathos mehr auf bei Niederträchtigkeiten, die sich täglich wiederholen. Man entweiht es nur, wenn man es an sie verschwendet. Es gibt nur eine mögliche Haltung all dem gegenüber (neben der selbstverständlichen Verpflichtung, dieses System zu ändern und zu beseitigen): in seiner psychischen Interessiertheit, in seiner inneren Einstellung möglichst außerhalb seiner und unberührt durch seine Äußerungen zu bleiben. Das sei uns auch die Lehre aus der „Lösungu der rumänischen Judenfrage im Frieden von Bukarest. Es ist gut, sie beizeiten zu ziehen. Die Liquidation des Krieges, fürchte ich, wird uns noch manche solcher Enttäuschungen bringen. Was haben nicht viele von uns für die Sicherung der nationalen Rechte der litauischen und polnischen Juden vom Frieden mit Rußland erhofft? In Brest- Litowsk ward der Judenfrage mit keinem Worte Erwähnung getan. Welche geradezu wundergläubigen Hoffnungen setzt nicht so mancher unter uns auf die „internationale Friedenskonferenz"? Wie leicht kann es da der Judenfrage ergehen wie bei den Bukarester Verhandlungen. Entschlagen wir uns aller Hoffnungen und Erwartungen auf die Humanität der Regierungen von heute und rechnen wir damit, daß man uns in dem Maße beachten wird, als man uns braucht. Zu sehr, scheint es beinahe, hat der Krieg manche von uns innerlich in seinen Wirbel

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