Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Der alte Wiener Judenfriedhof [Rezension]
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 50 (sequence 3)
- Language
- German
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So Bücherschau Denn — vergessen wir nicht — Wachstein setzt sein grandioses Mosaikgemälde zweier Kulturepochen in erster Reihe auf Grund seiner Steine und Inschriften zusammen. Jedes Grab birgt ihm nicht bloß ein Einzelgeschick, es kündet ihm auch eine Einzelgeschichte — im Epitaph. Dieses ist als historische Quelle vorwiegend unpersönlich: „Die Klage um den Verlust erscheint als eine allgemein empfundene, das Lob als ein von der Umgebung zugestandenes". Eignet ihm auch praesente cadavere ein Zug ins Monumentale, das „große, übertriebene Worte Machen", so charakterisiert doch eben das jüdische Epitaph, das von altersher mehr dem Seelischen zu orientiert war, ebenso den Toten, wie das Sehnen und Streben, Denken und Fühlen der überlebenden Zeitgenossen. Wenn wir in den älteren Grabnachrufen fast ausschließlich den frommen Juden, den gelehrten Gemeindeführer und den Wohltäter der Armen rühmen hören, so sind dies eben die allgemein nachgeahmten Ideale der Zeit, wohingegen in der darauffolgenden Periode, da an Stelle der beschaulichen, intensiven Gemeindearbeit der Sinn für die in ihrer Zerstreutheit zusammengehörig gefühlte Gesamtheit getreten ist, das großzügige, nach außen gravitierende Fürsprecher- und Mäzenatentum die höchste Ehre erntet. Die Inschrift verliert an naiver Innigkeit, um an historischem Gewicht zu gewinnen. Und sogar in sprachlicher Beziehung beobachten wir eine ähnliche Entwicklung. Erklingt in den ältesten Grabinschriften*) noch ziemlich häufig der persönliche Ton des Angehörigen, so wird unter italienischem Einfluß bald der Gemeindestil der synagogalen Pijutim allgemein, strenges Metrum und einförmige Reime wollen biblisch klingen, nur der oft als Refrain benutzte Name des Toten hat noch etwas Persönliches.**) Bald ver- *) S. auch die „Hebr. Grabsteine aus dem XIII.— XV. Jahrhundert in Wien u. Umgebung", ebenfalls von B. Wachstein in den Sitzungsberichten der Wiener kais. Akad. d. Wissenschaften, Sph. Bd. 181/1. **) Als schönste, zeitlich wohl etwas verspätete Blüte dieser Poesie möchte ich das Loblied Mordechai Hirscheis auf seine Gattin Chava Rachel Genendl, die Tochter des verdienstvollen Bernd Lehmann (Nr. 780) ansprechen. „Und Mordechai ging in einen Sack liert sich aber auch diese Struktur und der Text wird zu einem Wust von Wörtern, kaum zusammenhängenden Formeln, die oft nicht bloß gelesen, sondern auch — wie Rätsel — gelöst werden müssen. Die Inschrift wird fast zum Selbstzweck, die große Belesenheit des Verfassers in Talmud und Midrasch soll zur Geltung kommen. Wir sehen also auch an diesem Stil: Wien ist keine Stätte der Dichter und Denker mehr, bloß Hausrabbiner gibt es jetzt und Vielwisser. So ergeben die in Stein gehauenen Lettern unwillkürlich auch einen Querschnitt durch das geistige Können und Wollen des Zeitalters. Über soziale, wirtschaftliche oder private Verhältnisse der Judenschaft wird uns direkt freilich wenig Kunde. Wachstein kennt die Grenzen der Leistungsfähigkeit seiner Steinzeugen, deshalb sammelt er mit emsigem Fleiß alles Material ein, das ihm aus den andersgearteten, literarischen Quellen zufließt. Die Einzelgestalten, die er auf Grund seiner Studien uns erstehen läßt, sind weder Schemen, noch Typen, sie haben scharfumrissene Konturen, die sich scharf dem Gedächtnisse des Lesers einprägen. Dabei zeichnet sich seine Darstellung durch eine gewisse zurückhaltende Keuschheit aus, die prinzipiell nichts nachschreibt oder nachsagt, im Ausdruck jede grelle Farbe meidet. Still und resigniert klingt auch des Verfassers zusammenfassendes Wort: „Die Daseinsberechtigung des zwischen Geburt und Tod eingebetteten Menschenlebens eben aus dem Grunde des Daseins, ohne als Mittel zu irgend einem Zwecke zu dienen, ist trotz der Lehre aller Kulturreligionen noch heute nicht eine allseits empfundene und erlebte Wahrheit." A. Fürst (Stuhlweißenburg) gekleidet, sein Haupt mit Asche, bis zur Erde gebeugt, seinen Schmuck von sich werfend riß er seine Kleider in Stücke, rief die klagekundigen Frauen und stimmte ein Trauerlied an: »Schaffe weg den Schmuck, die Binde von meinem Haupte, denn in Kummer wandelte sich meine Freude um, meine Harfe ist nunmehr für Trauer gestimmt. Mein Weinberg eine Wüstenei, mein Heim ein Nest für Schakale — weggestorben ist mir Rachel* usf., 10 Strophen, jede mit biblischem Zitat auf Rachel endigend. Für die Redaktion verantwortlich: Dr. Max Mayer, Berlin W 15» Düsseldorfer Straße 23. — Für Österreich - Ungarn: Dr. M. Pf äger, Wien I, RotenturmstraBe 22. — Verlag von R. Löwit, Berlin und Wien. — Druck von Oscar Brandsretter in Leipzig.