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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 1 · p. 49

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 1
Article
Der alte Wiener Judenfriedhof [Rezension]
Date
1918-01-01
Page
49 (sequence 2)
Language
German
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Bücherschau 49 Gast in der Totenliste, wie die schwarze Pest, die vor und nach dem dreißigjährigen Kriege schwere Lücken in die meist kinderreichen jüdischen Häuser reißt. — Die Judenschaft scheint innerhalb der neuen Leopoldstadt ein bescheidenes, aber rechtlich ziemlich gesichertes Leben zu führen; sie strebt weniger nach äußerer Anerkennung als nach innerer Pflichterfüllung: scheinbare Kleinigkeiten, wie erster und letzter im Gotteshause gewesen zu sein, dort am Plaudern nicht teilgenommen, selbstlos „Kittel" und sonstige Sterbekleider genäht zu haben, sind wert auf den Grabsteinen verewigt zu werden. Wir haben es mit einem zusammengewürfelten, aber gleichmäßig sich schichtenden, „demokratischen** Gemeinwesen zu tun, wie es dem ausgehenden XVI. und dem XVII. Jahrhundert wohl entspricht. Mit dem Jahre 1670 endet jäh dieser Zustand: wieder hat ein kaiserliches Edikt die Kaiserstadt judenrein gemacht. Bloß die Toten durften sich des „ewigen Schutzes der Bürgerschaft" erfreuen, den Jakob Koppel Frankels, des reichen Vorstehers Erben für „4000fl satisfaction" für den Friedhof erworben. Dieselben Erben waren es auch, die pietätvoll das alte Wiener Memorbuch mit sich in die Verbannung nach Fürth nahmen*) und deren Zukunftsfreudigkeit damit belohnt wurde, daß sie ihrem 1670 verstorbenen Vater 1686 die Mazeba errichten konnten, wie es dort heißt: hier in Wien. Damals hatte bereits der erste lebende Jude wieder hier Boden gefaßt. Die an den Höfen waltende Staatsraison hatte sich der einzelnen Juden annehmen müssen. Die Juden blieben verbannt, der Jude konnte von Nutzen sein; im Staate, wo alles von Privilegien lebte, war auch für privilegierte Juden noch ein Plätzchen zu vergeben. Und die ersten Besitzer, die sich diese Plätze eroberten, füllten sie in glänzender Weise aus. Ein Samuel Oppenheim, ein Samson Wertheimer, die Sinzheim, Arnstein, Lehmann, Eskeles u. a. gehören der allgemeinen Wirtschaftsgeschichte an; auch die, ungarischen Landen entsprossenen Hirschl, Simon Michl, Leidesdorfer, Spitz, Schlesinger und die vielverzweigten Gomperz brachten mächtige Energien von Willenskraft und Arbeitsfreudigkeit zur Entfaltung. Mit diesen „Großen Wiens** kam ein großer Zug in die neue Judenheit, die sich selbst erhöht und geehrt dünkte, weil ihre Führer „vor Königen und Fürsten** *)Es*st das sogenannte Fürther Memorbuch (FMB), das vor mehreren Jahren zum Vorschein gekommen, durch Löwenstein in der Monatschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums 1898 besprochen wurde. standen. Auch ihr moralisches Bewußtsein mußte gestärkt werden, da eine „wirkliche Standesperson**, der Baron Diego d'Aguilar, einem Marannengeschlechte entsprossen, hier eng an ihre Glaubensgemeinschaft sich anschloß. Es ist das Zeitalter der fürsprechenden „Stadlans": — „ein Wort, das den Jammer ganzer Jahrhunderte in sich birgt!** —, aber eben die Wiener Juden, am Stammsitze der römischen Maj estäten waren dadurch die ersten in der deutschen Judenheit. Wie Wachstein sagt: „Zu Zeiten konnten die Wiener Juden, die selbst kein Gemeinderecht hatten, die Schützer der Gemeinden des ausgedehnten Reiches werden. Sie waren sozusagen eine exterritoriale Gemeinschaft auf Wiener Boden, ohne daß ihr eigener Schutz anders, als auf dem Glücke des Moments geruht hätte.** Zeigte es sich ja allzu oft, wie papieren die auf damaligem Staatskredit aufgebauten Reichtümer waren, wie sie bereits über dem Sohn oder Enkel des Multimillionärs wie Kartenhäuser zusammenstürzten, und die prächtigen Grabdenkmäler und Sarkophage, die — wohl unbeabsichtigt — die großen gesellschaftlichen Gegensätze des XVIII. Jahrhunderts in Erscheinung treten lassen, sind manchmal nichts anderes, als ein versteinerter „Glücksmoment** I Die Menge aber, die sich im Schatten dieser Schutzherrn, aus den fernsten Teilen Europas allmählich hier zusammenfindet, führt nicht bloß ein rechtloses, sondern in ihren beschränkten Judenquartieren auch ein kümmerliches, von der Mißgunst der Mitbürger verfolgtes, schönheitsbares Leben. „Sie hatten ein Ghetto, ohne daß sie die dem Ghetto eigentümliche Vertretung nach innen und außen besessen hätten.** Wollten die Wiener Juden eine Heimat haben, so mußten sie, die Großen wie die Kleinen, über die Leitha oder die Donau gehen, um dort in den benachbarten ungarischen Gemeinden — oft nach langwierigen Prozessen — für sich und Nachkommen ein Wohnrecht zu erlangen. m Erst mit dem Anbruch der josephinischen Ära beginnen sich die Anläufe konsolidierender Gemeindebildung zu zeigen, deren Entwicklung aber außerhalb des Rahmens unserer Darstellung fällt. Freiheitlich gesinnte, oft freiherrliche Vertreter der neuen Zeit treten auf, die Aufklärung, optimistisch, schwärmerisch gestimmt, glaubt alle Schäden zu heilen und macht alle Stützen jüdischen Gemeinwesens wankend. Auch die Inschriftenkunde geht ihrer Krisis entgegen: „überhaupt gewähren die Namen in den Grabinschriften des XIX. Jahrhunderts keine sichere Stütze mehr für die Identifizierung1', bemerkt Wachstein. efti 4

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