Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Zeit ist's [Rezension]
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 42 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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BUCHERSCHAU Zeit ist's Die Hermann Cohen gewidmete Schrift von Franz Rosenzweig, die diesen Titel führt*), kann uns, gerade weil ihr Verfasser nicht Nationaljude ist, mit herzlicher Freude erfüllen. Sie zeigt, daß im deutschen Judentum, auch außerhalb unseres Lagers,! Freude am Aufbau und Willen zum Schaffen in einem Maße leben, wie wir es uns nicht besser wünschen könnten. Und wenn der Verfasser "betont, seine Erwägungen zum jüdischen Bildungsproblem wollen und sollen Politik machen, dann kann es uns um so mehr freuen, daß die Intentionen dieser deutschen Judenpolitik den unseren so nahe kommen; an diesem Urteil ändert auch der Umstand nichts, daß die vorgeschlagenen Mittel uns den Zielen dieser Politik nicht adäquat dünken. Jüdische Politik kann nicht, wie Rosenzweig will, mit organisatorischen Vorschlägen gemacht werden, die irgendwo am morschen Bau unserer Existenz eine Reparatur anbringen, hier kann, auch in der Diaspora, nur neuer Bau von Grund aus helfen. Rosenzweig beginnt mit der Darlegung eines jüdischen Lehrplans für Mittelschulen. Ich setze diesen Plan hierher, der mit zwei Wochenstunden in neunjähriger Mittelschulzeit folgendes erreichen will: Erstes Schuljahr, i. Semester: Einführung in die jüdischen Feste, m unser „Kirchenjahr". Lesen und (Wort für Wort-)Übersetzen kleiner Stücke aus dem Gebetbuch. 2. Semester: Hebräische Grammatik: Hauptwort, Fürwort, regelmäßiges Zeitwort. Zweites Jahr: Unregelmäßiges Zeitwort. Ausgewählte Stücke aus dem 1. Buch Mose und wesentliche Teile des Siddur. Drittes Jahr: Lektüre der Wochenabschnitte (ausgewählt). Viertes Jahr: Thora mit Raschi. Fünftes und sechstes Jahr: Haftaroth, Sprüche der Väter, Überblick über die jüdische Geistesentwicklung im Zusammenhang der allgemeinen Schicksale des Volkes. Einblick in den Talmud. *) Franz Rosenzweig: Zeit ist's . . . Gedanken über das jüdische Bildungsproblem des Augenblicks. Verlag der Neuen jüdischen Monatshefte 1918. Siebentes Jahr: Talmud, Midraschim. Gründliche Übersicht über die Propheten. Achtes Jahr: Anthologischer Überblick über die ganze exilische Literatur in Übersetzungen. Neuntes Jahr: Religionsphilosophie, sei es nun Hiob und Koheleth oder eigentliche Religionsphilosophie an der Hand der Lektüre von philosophischen Autoren oder des Sohar und Lurja. Ich setze diesen Plan ohne Kritik hierher. Nur das will ich als auffallendsten Mangel hervorheben: der Plan gibt die Bekanntschaf t mit einer Literatur und nicht mit einem lebendigen Volk, und gerade dies müssen wir von der höheren Mittelschule verlangen, daß sie den Schüler in das Leben des heutigen jüdischen Volkes, in seine Ideenwelt, seine Bewegungen und Strömungen (unparteiisch natürlich) einführt. Der Schüler muß das interessierte Bewußtsein davon bekommen, daß wir eine lebendige Gemeinschaft sind. So dürfte auch ein Pädagoge, wenn der Unterricht wirklich zu solcher Kenntnis des Hebräischen führt, wie Rosenzweig annimmt, nicht darauf verzichten, Texte aus der heutigen Literatur zu lesen. Wie dankbar werden die Schüler gerade solchen Stoff aufnehmen! Im übrigen wird der Leser mit fast ehrfürchtigem Staunen aus der Schrift Rosenzweigs erfahren, was ein zweistündiger Religionsunterricht in neun Jahren fertig bringen könnte. Wenn wir dem gegenüberstellen, wie unsere Lehrer, die ja auch guten Willen hatten, alljährlich mit dem Kai begannen, und auch noch vor der Reifeprüfung nicht bis zur Zukunft des Kai vorgedrungen waren, so sehen wir, welcher Raubbau an den jüdischen Energien unserer Jugend getrieben wird. Warum aber erzielen unsere Lehrer so geringe Erfolge? Rosenzweig sieht das Übel in der geistigen und materiellen Lage des Lehrerstandes und in der Verquickung des Rabbinats mit dem Lehrerberuf. Sein Vorschlag geht nun auf Gründung einer Akademie für Wissenschaft des Judentums. Diese Akademie soll eine geistige und materielle Zusammenfassung der gesamten höheren Lehrerschaft darstellen: gegen 150 wissenschaftliche Arbeiter sollen von ihr ein Stipendium von 2500 M. jährlich erhalten, wozu