Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Gottes Volk
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 24 (sequence 5)
- Language
- German
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24 M. J. Bodenheimer: Gott-gegebenen Gesetzes ist. Denn in dem Gott-gegebenen Gesetze liegt die Heiligkeit und das Heil der wahrhaften Gemeinschaft. Darum grüße ich die Huojlim inniger, als alle Kongresse und Institutionen der Heidenjuden. In dem Worte Heidenjuden liegt eine Anklage, die ich und wir Heidenjuden alle wahrlich sehr verdienen. Denn unser Judentum hat wirklich weniger Gemeinschaftswert, als selbst ein verfehltes Streben, mit dem Gesetze zum Maschiach zu gelangen. Kann ich den Weg der Huojlim gehen? Ich spreche hier für niemanden als für mich. Denn weder kann ich die Partei der Heidenjuden ergreifen, noch gibt es unter den Heidenjuden eine lebendige Gemeinschaft, deren Wort ich reden könnte. Schon der erste Schritt der Huojlim, der sie die ganze Fülle von Geboten und Verboten heiligen läßt, die durcheinander göttliches Gebot und Menschensatzung schwirren lassen, schon dieser erste Schritt kann nicht mein Schritt sein. Denn er führt nicht aufwärts. Aufwärts kann nur der Schritt gehen, der mit dem Gott-gegebenen Gesetz wandelt Die 613 Pfähle aber verrammeln diesen Weg, umzäunen das Gesetz und lassen den Schritt nicht bis ans Gesetz heran, sondern zwingen dieses Gesetz in immer weiterem Bogen zu umkreisen. Ja, wäre der erste Schritt der Huojlim ein Niederrennen dieser Pfähle, dann wäre es ein erster Schritt vor dem Aufstieg. So aber, unter der Voraussicht sich eine Hüterschaft zu bestellen, die diese Pfähle noch weiter schützen soll, ist es wieder ein Laufen im Kreise, ein Tanz um das verrammelte Gott-gegebene Gesetz. Und mögen sie an den Pfählen und Pfeilern noch so hoch klettern, das ist wie der Turmbau zu Bawel, der nicht in Gottes Himmel führen kann. Mein Weg kann daher nicht der Weg der Huojlim sein. Wien Ernst Elijahu Rappeport ERINNERUNGEN AN TSCHLENOW In einem kleinen vertrauten Kreise saßen wir in der Halle des Gasthofs zu den Drei Königen in Basel kurz vor der Eröffnung des zweiten Kongresses. „Ihr werdet einen neuen russischen Führer kennen lernen," sagte Herzl, „einen klugen, energischen, aufrechten Mann von westeuropäischer Bildung mit reichem jüdischen Wissen und starkem nationalen Einfinden." Wir waren sehr neugierig auf diesen neuen Mann. Es war Tschlenow. Als ich ihn sah, empfand ich sogleich den Arzt in ihm. Der Ernst und die Ruhe seines Blickes ließ die Überlegtheit seiner Untersuchungen ahnen. Bald erkannte ich, daß Tschlenow nicht nur ein Heilkünstler für die erkrankten Organe des menschlichen Körpers war, sondern auch ein vorzüglicher Diagnostiker der jüdischen Seele, entschlossen, die Wunden des jüdischen Volkes zu heilen. Zunächst trat Tschlenow auf dem Kongreß aber nicht in den Vordergrund. Der liebenswürdige, begeistert ergebene Anhänger Herzls, Professor Mandelstamm und sein starker Antipode Ussischkin machten ihm hier den 'Rang streitig. Seine maßgebende Stellung erwarb sich Tschlenow in der russischen Landsmannschaft. Erst der sechste Kongreß brachte ihn an die Spitze, so daß er mit Ussischkin als Doppelstern unter den Führern der russischen Zionisten glänzte. Dies kam so: Das englische Landangebot von Uganda lastete auf dem Kongreß. Schwüle Augusthitze lag über Basel, aber mehr noch zerriß die Fieberhitze erregter Gemüter die Geister in dem heftigen Kampfe der Landsmannschaften.