Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Die Juden in der Weltpolitik
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 15 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Hanns Sachs: Der Jude und der Bourgeois 15 von außenher an sie herantretende Forderungen ergeben. Die gleichen Konflikte ergeben sich etwa auch aus der Zugehörigkeit zur katholischen, d. h. weltumspannenden Kirche, deren Oberhaupt oft genug in politischen Gegensatz zu Ländern geriet, deren Bürger seiner geistlichen Leitung anvertraut waren. Trotzdem die religiöse Bindung zumeist viel stärker ist als die nationale, kann es niemandem einfallen, ihre Aufgabe zwecks Vermeidung möglicher Konflikte zu verlangen. Man sollte doch endlich einmal aufhören, die in den Kämpfen und Widersprüchen des schöpferischen Lebens unaufhörlich* sich erneuende Welt durch das doktrinäre Mittel einer gewaltsamen Uniformierung in die öde Gleichförmigkeit vorgefaßter Systeme pressen zu wollen« Wien Albrecht Hellmann DER JUDE UND DER BOURGEOIS Es handelt sich natürlich nur um jene, die sich mit Recht oder Unrecht dem westeuropäischen Kulturkreis eingeordnet glauben, oft schon mit anererbter Selbstverständlichkeit. Also eine dünne Schicht, die im ganzen nur nach zehntausenden zählt, ohne äußere Organisation, ohne das Gefühl innerer Einheit. Unverkennbar ist trotzdem die Wichtigkeit ihrer Mitarbeiterschaft für die moderne Kultur, die von ihrem Intellekt und ihrer Begabung, ihrer Willensschärfe und manchmal auch von ihrer Kapitalmacht wesentliche Förderung, oft auch die besondere Färbung empfangen hat. Ebenso wichtig fast ist sie für die große Mehrheit des Judentums, die hinter ihr steht, fern am Rande des europäischen Gesichtsfeldes als eine dunkle, ungegliederte Masse. Denn diese wenigen sind die einzigen unseres Volkes, die der Nichtjude näher kennen lernt, und nach ihnen bildet sich das Urteil über die Gesamtheit. Sie sind das Deckblatt, nach dem unser Wert bestimmt wird. Es ist keineswegs ein Naturgesetz, daß das an der Kultur und Bildung des Westens teilnehmende Judentum sich zur Bourgeoisie halte. Im Gegenteil, es lag ursprünglich, zu Beginn des 19. Jahrhunderts, ganz anders. Die gesellschaftlichen Beziehungen, die von den Erstlingen der „Assimilation" damals angeknüpft wurden und ihnen die Vorbilder der eigenen Lebensführung lieferten, führten mit ziemlicher Ausschließlichkeit entweder zu den Kreisen der Kunst und Wissenschaft hin oder zur Aristokratie. Ganz typisch ist der Verkehr der Rahel: Goethe und Kleist, Brentano und Grillparzer treten ihr nahe; ihr bester Freund war ein Marwitz, ihr erster Verlobter ein spanischer Aristokrat. Ganz ebenso sehen die Kreise aus, die sich um Henriette Herz, die Prinzessenerzieherin, und um Dorothea Schlegel-Veit bewegen. In Wien geht das Blut der Arnstein und Eskeles schnell im hohen Adel auf. Wer liest nicht mit Ergötzen das Testament, in dem die alte Frau Wetzlar, Armeelieferantenswitwe, ihre geliebten Töchter bedenkt — alle fünf Gräfinnen und Freifrauen. Und dies vollzog sich nicht in dem Stile, in dem die Hochfinanz von heute mit ziemlich unerwiderter Liebe dem adeligen Umgang zustrebt, denn das Entgegenkommen war damals keineswegs einseitig bei den Neueintretenden und galt allen, die den großen Sprung mit Erfolg vollbracht hatten, ohne Rücksicht auf Reichtum, von dem, um nur ein Beispiel zu