Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1917-01-01 · Heft 12 · p. 774

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 12
Article
Wenn ich dein gedenke, Jerusalem...
Date
1917-01-01
Page
774 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3101111-3101126-3101136-3103098--2241-3103162
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

774 Bemerkungen verkünden, die von Zeit zu Zeit kommen werden, um in des Volkes Heiligtum im Alleinsein mit ihrem Gott oder in der innigen Verbundenheit mit den Schicksaisgenossen neue Kraft zu empfangen. Helene Hanna Cohn Arbeitsschule Es drängt mich zur Reue, zur Beichte. Ja, ich habe zu denen gehört, die da nörgeln und ungläubig lächeln. Hier in Wien haben die Leute leicht dieses Lächeln. Man sagte, und ich hörte zu: Ja, die Arbeitsschule! Die Spitzen und die Stickereien, die Döschen und die Mappen, die Kissen, Handtaschen, Deckchen, sehr schön das, aber . . . wer hat die alle gemacht, die entzückenden Sachen? Die Flüchtlingsfrauen? woher bitte? Sie glauben das doch nicht etwa im Ernst? Als Frau Anitta Müller in einer Organisationssitzung vor der Ausstellung ausdrücklich betonte, daß sämtliche Arbeiten von Schülerinnen der Arbeitsschule herrührten, da fühlte ich schon dieses fatale Lächeln meinen Mund verziehen. Und ich dachte nicht nach: wie verschafft man sich da Überzeugung, Sicherheit. Heute aber machte ich es genau so, wie Gogol einmal, als er sich nach einer Theateraufführung unter die hinausströmende Menge mischte und die Gespräche belauschte. Nur waren die Eindrücke, die ich einsammelte, erquicklicherer Natur. Ich bewegte mich unter Frauen, die sich über die reizenden Sachen beugten; sie ließen die Hände über die Glasfläche eines Serviertabletts gleiten und es war, als ob sie die feine Spitze, die darunter lag, betasten wollten. „Hier diese Petits-points-Deckchen, weißt du, das ist eine Idee von Frl. Münz gewesen". hörte ich ein junges Mädchen sagen. Frl. Münz ist nämlich eine der Leiterinnen und die Petits-points-Deckchen der Schlager der Ausstellung. Es handelt sich um eine reizvolle Verbindung von weißer Spitze und kleinen farbigen Stickereieinsätzen. Der bunte Farbenfleck wirkt auf der zarten Spitze ungemein pikant. Die scharfe Kontrastierung in der Farbengebung und die geometrische Einteilung der Komposition muten einen geradezu gräzisierend, ja pompejanisch an. Die eingestreuten Blumenmotive wünscht man sich zur Abwechslung einmal in diskreter, etwa zweifarbiger Zusammenstellung. Oder vielleicht ist gerade die blumige Buntheit das Hübsche an der Erfindung. Ich habe noch die architektonischen Stickereimotive bewundert, die romantischen Landschaften, wie wir sie aus der Malerei der Vierziger - jähre kennen. Ein kleiner Tempel mit schlanken Säulchen und um ihn herum Bosketts mit ungemein fein schattiertem Laub. Vorne giftig grün und saftig braun, nach rückwärts zu graue und blaue Schatten. Dasselbe Motiv ist auch in anderer Farbengebung zu sehen. Man probiert eben aus, bevorzugt das eine, verwirft das andere. Da ist ein Ofenschirm aus Rosenholz mit herrlicher Stickerei. Blüten von zartem Weiß, wie sie nur in der Porzellanmalerei erreicht werden, und saftige, samtige Blumen, die wiederum wie Ölmalerei wirken. Das Motiv ist irgendeiner Photographie entnommen. Aber in der originellen Farbengebung scheint es in neuer Pracht erstanden zu sein. Das wird in der Schule oft so gemacht. Man nimmt eine Vorlage, man bildet sie um. Die Stickerin versucht eine neue Schattierung und es kommt immer etwas ganz Unerwartetes heraus. So z. B. die bestickten Brokatstoffe; eine Auftraggeberin überläßt der Schule ein Stück Möbelstoff, das sie z. B. als Klavierdecke verwenden will. Das Muster des Gewebes wird mit Gold und Silber nachgezogen und durch eingestreute Nadelmalerei gehoben. Auch durch die Art der Montierung können reizvolle Wirkungen erzielt werden. Da gehört schon Verständnis für Massenverteilung dazu, architektonisches Gefühl. Ich hörte den Namen von Fräulein Keller nennen, da wäre der Schule ein Talent auf diesem Gebiete erblüht. Zwei Volksschullehrerinnen haben sich als selbständige Kunstgewerblerinnen entfaltet — es sind die Schwestern Schneier; sie denken daran, ihre Kunstfertigkeit in der Heimat weiterzuverbreiten. Ich nenne die Namen, um mir und andern zu beweisen, daß es sich hier nicht um eine namenlose Menge von Arbeiterinnen handelt, die gedankenlos bloß das Manuelle erlernt haben. Unter den 300 Frauen, die in der Schule —- die einen länger, die andern kürzer — gearbeitet haben, ist so manche Begabung entdeckt worden. . In der Art, wie eine einen Blumenstrauß koloriert, offenbart sich zuweilen ein staunenswerter angeborener Geschmack. So entsteht allmählich durch das verständnisinnige Studium alter Muster, neuer palästinensischer Vorbilder, durch moderne Anregungen und eigene Einfälle eine neue Geschmacksrichtung, eine Schule. Die Schule der Flüchtlinge aus Galizien und der Bukowina. R. Bernstein-Wischnitzer

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.