Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Wenn ich dein gedenke, Jerusalem...
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 773 (sequence 1)
- Language
- German
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Bemerkungen 773 Wenn ich dein gedenke, Jerusalem... Wenn ich dein gedenke, Jerusalem, und mir vorstelle, du könntest werden wie irgendeine andere Großstadt, wie Paris, London oder Berlin, dann faßt mich Grauen. Soll dein Leib zerwühlt werden von hundert eisernen Schienensträngen, die Heiligkeit deiner Grüfte zerstört von blendenden Bogenlampen? Soll der übelriechende Qualm ragender Schlote deine schneeweißen Straßen in schwarze Wolken einhüllen? Soll das Klingeln, Rasseln und Sausen dahinrasender Wagen die Luft erschüttern? Das Aufblitzen künstlicher Lichtgarben das Auge erschrecken? Sollen bunte Papierfetzen mit schreienden Imperativen an alle kläglichen Bedürfnisse physischer Existenz erinnern? Soll ein Heer von Sklaven in Maschinensäle, in Arbeitsräume und Werkstätten eingesperrt schaffen und sich am Abend, nach dem Geheul der Sirenen, wie ein dunkler Strom in Kneipen, Schaustellungen und Stätten tierischer Lust ergießen? Soll wilde Erwerbshast Männer und Frauen aus der Geborgenheit des Familienhauses hinaustreiben auf laute Gassen, in das Gekreisch der Märkte und Börsen? Soll die ganze Sucht nach Erwerb und Genuß deine Bewohner wie ein Fiebertaumel ergreifen und sie unstet von Ort zu Ort hetzen? Wenn ich dein gedenke, Jerusalem, als eines Abbildes europäischer Großstädte, erfüllt von ihrem Lärm und ihrer Ruhelosigkeit, von unklar wogenden Ideen und Bewegungen, knechtisch der stets wechselnden Mode nachrennend, abgelenkt von den Stimmen des Werdens und Vergehens in der Natur, von dem Schweigen der Sterne und dem Zittern der Gewässer, abgewendet von dem Antlitz Gottes in allem Seienden — dann sage ich mir, daß das Streben derer, die um eines neuen Jerusalem willen gelebt haben und gestorben sind, vergeblich gewesen ist. Wenn ich dein gedenke, Jerusalem, so darf es nicht anders sein als mit der großen Hoffnung auf eine Stadt des Friedens, eine Stadt der Schönheit, eine heilige Stadt. Scheint doch die Natur selbst dich aus der Reihe gewöhnlicher Städte herausgehoben und dir ein Feiertagsantlitz bestimmt zu haben. Wer empfand nicht ein Stocken seines Atems, eine sprachlose Überraschung, wenn er nach stundenlanger Wanderung durch steinigen Karst, ohne Pflanzenwuchs, ohne Wasserlauf, ohne irgendeine menschliche Behausung, auf der Höhe dieses Karstes, wo er das Aufhören alles Lebendigen, das Nichts zu rinden vermeinte — plötzlich eine strahlende Stadt vor sich liegen sah? Welcher Wahnsinn, diese Stadt auij der Höhe einer menschenleeren Steinwüste und doch — wie nahe ist sie dem Himmel! Wer dir das raubt, Jerusalem, diese einsame Würde, mit der du in den grenzenlosen Himmel hinaufweisest, wer die Schranken, die dich von der ganzen übrigen Welt trennen, umwirft und dich hinunterzerrt in den Bereich weihelosen Alltagstreibens, der vertreibt den Geist Gottes aus seinem letzten Zufluchtsort auf Erden. Wenn ich dein gedenke, Jerusalem, so sehe ich dich als Behüterin eines Heiligtums und deine Bewohner als Überwinder des nichtigen Alitags, die zu der Stadt auf der Höhe des Karstes emporgestiegen sind, um fern von dem verwirrenden Getriebe der Welt der Stimme Gottes zu lauschen und aus ihr die Kraft für die Rückkehr zu den Menschen, die Verkündigung der ewigen Wahrheit zu schöpfen. Nicht den Gestalten des Bettlervolkes gleich, das heute an der Klagemauer seine Zeremonien vollführt, sehe ich vor mir deine künftigen Bewohner. ..Schlichte Leute werden es sein, bedürfnislose Leute, die von ihrer Hände Arbeit leben, von ihrem Handwerk, ihrer Kunstfertigkeit oder ihrem einfachen Gewerbe. Ärzte des Leibes und der Seele, Lehrer der Jugend werden darunter sein, Künstler und Forscher, die ihre Arbeit lieben und nicht mehr von ihr annehmen, als was sie vor Not schützt, die aber flohen aus einer Welt, in der diese Arbeit zu einer unerbittlichen Tyrannin geworden ist, die ihren Sklaven Herz und Hirn aussaugt. Alte Arbeiter des Landes werden in deinen Mauern sein, deren Arme für Pflugschar und Spaten zu schwach geworden und die gekommen sind, um eines tatenreichen Lebens bescheidenen Lohn an der Stätte zu genießen, an der sie dem Himmel näher sind. Aber auch junge, löwenstarke Männer werden aus deinem Boden erstehen, die aus deiner heiligen Luft Weisheit und Kraft schöpfen, zu den Menschen zu gehen und ihnen die ganze Kraft ihrer Liebe zu schenken. Denn Liebe wird das Wort sein, das über deinem Heiligtum steht, auf den Gesetzen unermeßlich tiefer Nächstenliebe wird das Leben der Gemeinschaft innerhalb deiner Mauern aufgebaut sein, und der Strom dieser Liebe wird sich über deine Grenzen hinaus ergießen. Wenn ich dein gedenke, Jerusalem, so machen vor deinen heiligen Mauern alle nüchternen Berechungen Halt, mit denen kluge Voraussicht des Landes Werte abwägen und abschätzen muß, so weihe ich dich, du Stadt auf einsamer Bergeshöhe, einer Schar von Geläuterten, die ein reines Leben und ein inniges Lauschen der Stimme des Herrn dazu erkoren hat, das göttliche Wesen denen zu