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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 12 · p. 772

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 12
Article
Tat und Arbeit
Date
1917-01-01
Page
772 (sequence 2)
Language
German
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772 Bemerkungen Vor zehn Jahren ist in Palästina die jüdische Arbeiterorganisation „Hapoel Hazair" ins Leben gerufen worden. Zehn Jahre ist es her, seit die Losung der jüdischen Arbeit in die jüdische Welt geworfen worden ist. Wer vermag schon jetzt die Wirkung zu übersehen, die von diesem Kreise ausging? -Zu kurz ist die Spanne Zeit, gemessen an unserer Geschichte. Aber soviel kann gesagt werden, daß alles, was in Palästina an Zukunftsicherem und Gesundem vorhanden ist, in diesen zehn Jahren geschaffen wurde. Wie einfach war dieser Gedanke der jüdischen Arbeit — der Gedanke, daß alles im Lande unserer Zukunft Werdende durch jüdischer Hände Arbeit werden müsse—,aber wie rüttelte gerade er die Geister auf, wie entfesselte er die Leidenschaften! Auch viele derjenigen, die in den achtziger Jahren als Pioniere der neuerwachten jüdischnationalen Tat ins Land kamen und den altneuen Boden mit Blut und Schweiß eroberten, stellten sich in die Reihen seiner Gegner. Wie konnte es dazu kommen? Der Zionismus war der große Wecker des Tatwillens in der jüdischen Welt. Er hat das Volk zur Entscheidung und zur Überwindung des tatenlosen Galuthlebens aufgerufen. Das Volk gehorchte dem Ruf, es sandte die Ersten in das verheißene Land. Bald zeigte sich aber, daß damit allein wenig erreicht war. Das Volk diente weiter seinen alten Galuthgötzen, es frönte weiter seiner in Fleisch und Blut übergegangenenTatenlosigkeit. Der Boden Palästinas war von anderen gepflügt, die Bäume von anderen gepflanzt, die Häuser von anderen gebaut, kurz, alles Leben gehörte nicht uns, wie in den Ländern, aus denen wir ausgezogen sind. Es wurde von anderen geschaffen! Eine Gesundung dieser Zustände haben die neuen Idealisten herbeigeführt, die nach 1905 nach Palästina kamen, die aus den Händen der alten Pioniere sinkende Fahne wieder aufnahmen und das große Werk fortsetzten. Sie widmeten ihr Leben der nationalen Arbeit: sie wurden Arbeiter. Diese Arbeitsbewegung war die große Reaktion auf das ewige parasitäre Leben eines ganzen Volkes und das Sichaufraffen dieses Volkes um der verlorengegangenen schöpferischenArbeit wieder teilhaftig zu werden. Und dieser große Versuch ist — darf man wohl heute sagen — gelungen. Wenn es heute in Palästina außer 14000 jüdischen Kolonisten tausend jüdische Arbeiter gibt, wenn anstelle der gedungenen arabischen Wacht der jüdische ,,Haschomer" entstanden ist, so ist das der Arbeitsbewegung zu verdanken, die aus dem kleinen Kreise des ,,Hapoel Hazair" ausging und auch andere ihm Fernstehende in seinen Bann zog. Warum scheiterte die große nationale Tat der ersten Bilupioniere? Weil die isolierte Tat den Todeskeim in sich trägt, weil sie nur ein Aufflackern einer aktiven Geistesstimmung ist. Die einmalige Tat bleibt immer nur eine Teilkundgebung der Aktivität. Die Gesamtheit des menschlichen Lebens in allen seinen Ausstrahlungen wird von ihr nicht umgestaltet. Die dauernde Arbeit dagegen will die Mannigfaltigkeit des Lebens in allen seinen Erscheinungen durchdringen. Sie will alle Lebensäusserungen des Menschen unter ihre Gewalt bringen. Tat begnügt sich nur zu oft mit kurzlebigen Teilerfolgen. Arbeit strebt nach dem Endgültigen, Vollkommenen. Nicht daß Kunst und Literatur vom Geiste der Aktivität durchdrungen würden (worauf die literarische Tatbewegung in Deutschland beschränkt bleiben muß), sondern das ganze Leben. Der göttliche Funke haftet, wie der Chassidismus lehrt, gerade den profanen Dingen an, und von da muß er durch den Menschen hervorgeholt werden. Das Leben kann nicht von den einzelnen Taten bewältigt werden, sondern von ihrer Totalität — von der Arbeit. Arbeit ist als die unaufhörliche Kontinuität der menschlichen Tat zu denken, sich auf alle Gebiete des Lebens erstreckend, in die Ewigkeit projiziert. Ewig und ununterbrochen muß die schaffende Arbeit des Menschen dauern. ,,Das Wesen der Arbeit und des Schaffens," sagt A. D. Gordon, der geistige Führer dieser Geistesbewegung*), „ist die Auflehnung des Menschen gegen das bestehende Leben, das Bestreben, es seinem Wesen adäquat zu schaffen und sich unaufhörlich zu erneuern, denn wenn diese Erneuerung aufhört, hört auch das Schaffen auf." Und um diese neue, sich erneuernde Welt zu schaffen — das an Ludwig Rubiner — haben sich die Männer der Arbeit nach dem Orient geflüchtet. Zu teuer ist ihnen ihr Ideal und zu bitter ernst meinen sie es damit, als daß sie in der verseuchten Gesellschaft des Okzidents Fuß fassen könnten. Warum verließen die Duchoborzen, die treuen Schüler Tolstojs, Europa? Weil hier im besten Falle Flickwerk, isolierte Taten entstehen können — die große, alles umfassende Arbeit kann nur in einer unbefleckten Heimat unbeflecktes Neues schaffen. Oder sind es vielleicht nur Worte über die Tat, die uns diese jüdischen Männer des Okzidents anstelle der heilenden Arbeit des Orients vorsetzen? „Im Anfang war das Wort." In unserer Bibel aber, die in unserer neuen Heimat zu neuem Leben auferstehen wird, steht geschrieben: „Im Anfang schuf....." Israel Reichert *) Beschaa su. 3. Sammelbuch. Jaffa 5676,

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