Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Tat und Arbeit
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 771 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Bemerkungen 771 Tat und Arbeit (Zum 10 jährigen Bestehen des,HapoelHazair') Abseits vom Markte und Ruhme begibt sich alles Große. Abseits vom Markte und Ruhme wohnten von je die Erfinder neuer Werte. (Nietzsche) Ideal und Wirklichkeit sind die beiden Pole, zwischen denen unsere Seele ewig hin und her pendelt. Und wehe dem Leben, dessen Pendel zu weit ausholt und an einer Seite hängen bleibt. Es bleibt dann entweder im Vergänglichen und Körperlichen und dem Erhabenen und Erhebenden abgewandt, oder es schwebt in den olympischen Höhen, der menschlichen Wirklichkeitssphäre entrückt und ohne sie zu beeinflussen. Die Brücke, die diese beiden Welten verbindet, ist die Tat. Sie gleicht jener sagenhaften Leiter, die auf der Erde steht, deren Spitze aber in den Himmel ragt. Ohne sie ist jedes noch so hohe Ideal eine Phrase, nur sie birgt eine Neugestaltung der Dinge in sich. Die Erkenntnis von der zwingenden Macht der Tat im menschlichen Leben konnte sich nicht so leicht den Weg zu den Herzen bahnen. Es bedurfte erst der großen Ereignisse unserer Zeit, um ihr Geltung zu verschaffen, denn dieser Krieg, der die Blöße unseres gesellschaftlichen Gewissens aufgedeckt hat, hat der Herrschaft der hohen theoretischen Ideale ein Ende bereitet. Wer vernahm nicht das Raunen der Enttäuschung, das durch die Völker ging, als die hohen Kulturideale so kläglich versagten, da sie doch diese gräßlichste Katastrophe der Menschheitsgeschichte, diesen Krieg selbst, nicht verhindern konnten. Und die russische Revolution bildet den ersten Versuch, das Übel nicht durch Worte und Theorien, sondern durch die Wirklichkeit zu überwinden. Wir jungen Juden, die wir ein lebendiges, jüdisches Volk herbeisehnen, haben diese Tatbewegung, so weit sie auf ernstem Bestreben beruht und nicht in einer Wortspielerei über die Tat sich erschöpft, herzlich begrüßt Lehrt doch jeden echt Nationalen schon der große Volksmahner Fichte: „Nicht zum müßigen Beschauen und Betrachten deiner selbst oder zum Brüten über andächtige Empfiridungen — nein, zum Handeln bist du da." Hassen wir doch gerade das Galuth so aus dem Grunde unseres Herzens, weil es die Tatenlosigkeit unseres Volkes versinnbildlicht. Wir sehnen uns nach der großen nationalen Tat, da unser Volk wieder Herr seines eigenen Schicksals wird. Die aufgespeicherte geistige Energie des jüdischen Volkes muß im Galuth ungenutzt zugrunde gehen. Auf der eigenen Scholle erst wird es unserem Volke gelingen, sein Leben seinem Wesen adäquat „nach seinem Ebenbilde'* zu gestalten. Dort werden auch die Träumer der Ghetti, der östlichen wie der westlichen, die heute von ihrer Umgebung so verachtet und verunglimpft werden und den Rufern in der Wüste gleichen, Widerhall und Resonanz finden. Dort wird die organische Verbindung zwischen Prophet und Menge, Schaffenden und Volk entstehen. Und es zeugt nur von einer böswilligen Verkennung der Tatsachen und einer oberflächlichen Beurteilung unserer nationalen Bewegung, wenn einmal gesagt werden konnte: „Ach, es ist nur der große Schriftsteller David, von dem sie reden, und an ihren Propheten haben sie nur die großen Worte, die prächtigen Bilder und, wenn es hochkommt, die Ideen"*). Wie leichtfertig und höhnisch müssen hierzulande die Forderungen der geistigen Juden von ihrer Umwelt aufgenommen werden, wie groß muß der Argwohn sein, der ihnen entgegengebracht wird, wenn man ihnen nicht mehr als Worte, nur Worte zutraut. Noch mehr muß uns wundernehmen, wenn Menschen wie Ludwig Rubiner und Kurt Hiller, die Wortführer des sogenannten Aktivismus, bei denen man doch wahrlich Verständnis und Ernst für die geistigen Regungen im eigenen jüdischen Volke hätte voraussetzen können, so verständnislos einer der größten geistigen Taten der Menschheitsgeschichte unserer Zeit, der Rückkehr eines Volkes zum schaffenden Leben nach zweitausendjähriger Lethargie gegenüberstehen. Kurt Hiller hat den Mut, folgendes auszusprechen: „Das geistige Volk par exellence könnte durch die Palästina-Kolonisation eine Verminderung seiner Geistigkeitsquote erfahren"**). Für uns war es klar, daß das neue Leben in unserer alten Heimat eine Aktivierung unserer bisher brachliegenden intellektuellen Kräfte bedeutet, und folglich eine Erhöhung unsrer Geistigkeitsquote bewirken muß. Und unsere Hoffnung hat uns auch nicht getäuscht. Was in Palästina in der kurzen Frist unserer Arbeit an neuen Werten entstanden ist, übertrifft unsere Erwartungen. Es ist kein bloßer Zufall, daß gerade jetzt, wo der Palästinagedanke sich solche Ausfälle seitens der jüdischen Führer des „Aktivismus" gefallen lassen muß, in Palästina selbst das zehnjährige Bestehen einer Bewegung gefeiert wird, die getan hat, was jene proklamieren. Ein Racheakt der Geschichte! *) Clemens Ritter, Summa. Eine Vierteljahrsschrift, herausgegeben von Franz Blei. Erstes Viertel. **) Selbstwehr 1916, 6-7.