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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 12 · p. 770

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Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 12
Article
Echiel Tschlenow
Date
1917-01-01
Page
770 (sequence 2)
Language
German
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770 Bemerkungen äußere Erscheinung war auch sein Wesen; kein Zug seiner Natur hatte ihn zur führenden Stellung prädisponiert. Er erlangte sie lediglich als Diener der zionistischen Idee, als einer, der durch den heiligen Eifer, die restlose Hingabe und unbedingte Treue in diesen Dienst berufen ward, an ihrer Realisierung an leitender Stelle mitzuwirken. Sein Entwicklungsgang zum zionistischen Führer bezeugt dies. Er war nicht im impulsiven Kampf dazu aufgestiegen, hatte sich nicht gegen Widerstände und Opposition „durchsetzen" müssen; sondern war wie von selbst, langsam und mählich dazu geworden, wie selbstverständlich für ihn und für die Bewegung. Keinem Führer im Zionismus wurde darum wohl unbedingteres Vertrauen entgegengebracht als ihm. Manche haben machtvoller gewirkt, manche zwingender fortgerissen, manche ihre Anhänger radikaler fanatisiert als er. Solches Vertrauen wie in ihn wurde in keinen gesetzt. Ihm vertrauen, hieß eigentlich der Idee vertrauen. Seine schlichte Gestalt war wie ein klarer Kristall, in den die Idee sich eingeschmolzen hatte. Alle Wirkungen, die von ihm ausgingen, kamen von der Idee her, alle Autorität, die er ausübte, hatte ihre Quelle allein in ihr. Darum verbreitete er auch durch seine Wirksamkeit eine Atmosphäre ungetrübter Beruhigung, Sorglosigkeit und Sicherheit, wie kaum ein anderer Führer der Bewegung. Welches Werk und Amt er auch übernahm, man wußte, daß er alle in ihm liegenden Aufgaben und Möglichkeiten restlos erfüllen werde. Das Gefühl des Geborgenseins, des unbedingten Zutrauens, das jedes fruchtbare Verhältnis von Führern und Geführten durchdringen muß, hatten wir wohl bei 'keinem unserer führenden Männer so stark und beruhigend wie bei Tschlenow. Man empfand dies am stärksten auf den Kongressen. In unserer Bewegung gibt es gewiß hinreißendere Redner, suggestivere, machtvollere Persönlichkeiten, als er es war. Dennoch kenne ich keinen, dessen Worte nachhaltiger, tiefgehender und durchdringender wirkten als die seinen. Man hatte das Gefühl, wenn er sprach, als ob gewissermaßen der zionistische Gedanke selbst in ihm spräche; der wortgewordene Zionismus schien manchmal aus ihm zu reden. Ich entsinne mich einer stürmischen und leidenschaftlichen Kulturdebatte auf einem der letzten Kongresse, vom „Misrachi" herbeigeführt. Wie es bei solchen Konflikten, die das Innerste der Weltanschauung betreffen, nur natürlich ist, schien eine Aussöhnungunmöglich. Tschlenow gelang sie. Er sagte: „Mit der Thora sind wir aus Zion weggegangen, und mit der Thora werden wir nach Zion zurückkommen", und der Misrachi war beruhigt. Es war, als ob das gesamte jüdische Volk durch ihn dieses Gelöbnis ablegte, und man glaubte ihm unbedingt, daß er in diesem Augenblick Wortführer des Volkes in seiner ewigen Geschlechterfolge war. Alle Vorzüge und Qualitäten seiner Führernatur waren durch diesen Sinn seines Führertums bedingt: seine unerschütterliche Ruhe, die ihm sein jeder Möglichkeit eines Zweifels enthobener Glaube an die Zukunft und den Sieg der Idee eingab; sein ungeheures Verantwortungsbewußtsein, das ihn jede Frage nach allen Seiten, restlos und erschöpfend, prüfen hieß; seine Sicherheit in allem, was er riet und tat, die immer wieder den Eindruck gab, als handle in ihm wirklich die Seele gewordene Idee der Organisation selbst. In diesen Qualitäten seiner zionistischen Führergestalt offenbarte sich der menschliche Grundzug seines Wesens. Er hieß: Treue. Es gibt Zionisten, die begeisterter sind, solche, die fanatischer, andere, die hingebender sind als er; einen treueren Zionisten gibt es nicht. Es war nicht die vitale Verbundenheit der germanischen Vasallentreue, auch nicht die edle Kampfgenossenschaft der romanischen Rittertreue, die das Wesen seines Treuseins ausmachte; es war jüdische Treue, die kristallklare, aus erlebter und bewußter Hingabe an die Idee, aus dem beglückenden Dienst am Werke ihrer Realisierung fließende jüdische Treue. Sie vereint in sich die beiden Pole des jüdischen Wesens: die schrankenlose Liebesfähigkeit und die starre Hartnäckigkeit. Sie machte Tschlenow zum Repräsentanten des besten jüdischen Typus, stark und gütig, von unbeugsamer Gradlinigkeit des Tuns und hingebender Geöffnetheit der Seele; er, der Sanfte, Milde, Gute war doch zugleich der konsequenteste, unbeirrbarste Zionist. Er repräsentierte wie kaum ein anderer unter den führenden Männern des Zionismus den synthetischen jüdischen Typus, der die beiden Polartypen unseres Volkes in sich versöhnt. Es gibt den starren Juden; es gibt den zerfließenden Juden; Tschlenow war vom dritten, besten Typus: ein gesammelter Jude. Wer die Größe der Diskrepanz kennt, die das jüdische Wesen charakterisiert, und weiß, wie selten und kostbar die wenigen sind, in welchen diese Diskrepanz versöhnt ist; die Auserlesenen, die beide Sphären und Pole jüdischer Art zu einer harmonischen Einheit verschmolzen, in sich tragen, der versteht, daß nichts Höheres zum Ruhme Echiel Tschlenows gesagt werden kann. N. G.

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