Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Echiel Tschlenow
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 769 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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BEMERKUNGEN Echiel Tschlenow Der Tod Echiel Tschlenows bedeutet für die zionistische Bewegung mehr als den Verlust einer zentralen Gestalt des russischen Zionismus, eines Mannes von rastloser Arbeitskraft, von bedeutenden organisatorischen Fähigkeiten und einer alles überschauenden, mit unangreifbarer Überlegenheit wägenden Klugheit des Intellekts; in Tschlenow verliert vielmehr das jüdische Volk eine seiner wenigen wahrhaften Führergestalten. Es gibt zwei Kategorien von Führern; sie scheiden sich nach der Art ihres Verhältnisses zum Sinn ihres Führertums. Den einen ist das Primäre die führende Gebärde, Haltung und Wirksamkeit; sie bedürfen ihrer, um sich wahrhaft ausleben zu können. Die Zwecke, die sie verwirklichen wollen, sind ihnen nur Sekundäres, nur die konkrete Zielsetzung und Ausfüllung des elementaren Dranges nach führendem Tun. Es sind die herrschenden, befehlenden, durch die suggestive Macht ihrer Persönlichkeit wirkenden Führer, denen man aus persönlicher Anhänglichkeit und Ergebenheit folgt, es sind die Führer aus eigenem Recht. Den Führern vom anderen Typus ist das Primäre die Idee, das zu realisierende Ziel. Ihr Dienst an der Idee erst steigert und weiht sie zu Führern. Als Träger ihrer Mission, als Verkünder ihrer Postulate gewinnen sie Wirkungsstärke und zwingende Autorität. Die führende Stellung empfinden sie als Sekundäres, ja als ein lastendes, mit Verantwortlichkeit bebürdendes Amt, das sie nur auf sich nehmen, weil es höchster Dienst an ihrem Werke ist. Es sind die dienenden, liebenden,durch die Macht der Idee wirkenden Führer, denen man aus Liebe zum Ideal folgt, das man in ihnen am reinsten verkörpert weiß; es sind die Führer aus dem Rechte der Idee. Man sollte glauben, daß der Typus des jüdischen Führers der zweiten Kategorie zugehört. Dem „Volke des Geistes", dessen tiefster Daseinssinnsich im Dienst seines Ideals erfüllt, müßte das von dem Idealen bestimmte Führertum die allein wesensgemäße Form sein, in der es sich leiten läßt. Allein die tragische Scheidung zwischen der Idee unseres Volkes und seiner Wirklichkeit, zwischen seinen Prinzipien und seiner Realität, zwischen seinem ewigen Sinn und seinem gegenwärtigen Alltag, zwischen seinem Wesen und seiner Erscheinung, diese Scheidung, deren Vorhandensein das zentrale Problem unserer Gegenwart, deren Überwindung die zentrale Aufgabe unserer Zukunft ist, sie manifestiert sich auch hier. Unsere Führer zählen — grundsätzlich — in ihrem Wollen zu der ersten, in ihrem faktischen Sein zur zweiten Kategorie. Teilhabend am Subjektivismus der modernen Juden, wird auch ihr Führertum von den akzidentellen Zügen ihrer Subjektivität beherrscht. Ihre Hingabe an die Idee ist selten restlos; ihr Dienst an ihrem Werke fast niemals rein. Der elementare Formungstrieb unseres Volkes entartet allzu leicht in den egozentrischen Drang des Einzeljuden, die Dinge in der Richtung seiner zufälligen Subjektivität umzumodeln und sie zu verzerren; und auch das Wirken des jüdischen Führers ist meist in irgendeiner Form dieser unserer Erbsünde der unsachlichen Egozentrizität verfallen. Tschlenow war eine der wenigen Führergestalten im heutigen Judentum, die den Typus des Führers aus dem Rechte der Idee rein und unverfälscht repräsentieren. Er hatte nichts von der Wesensart des Führers aus eigenem Recht. Keine suggestiven Wiikungen gingen von ihm aus; kein Drang, seinen Willen anderen aufzuzwingen, trieb ihn, und niemand, der ihn je gesehen und etwas von seiner Art gespürt hat, hätte ihm „Willen zur Macht" in irgendwelcher Art supponiert. Nichts Prunkendes, Prangendes, Glanzvolles war an ihm; schlicht und still wie seine