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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 12 · p. 749

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Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 12
Article
Nationale Ideologien im Judentum der Gegenwart
Date
1917-01-01
Page
749 (sequence 2)
Language
German
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Nationale Ideologien im Judentum der Gegenwart 749 wird uns sofort klar, wenn wir aus der Fülle eigenartiger Menschen, die als Intelleklualisten anzusprechen sind, zwei so hervorragende Charakterköpfe auftauchen sehen wie Achad Haam und Nathan Birnbaum. Wir haben es hier zunächst mit ihrer einstigen zeitgeschichtlichen Stellung zu tun, die von ihrer heutigen wohl zu unterscheiden ist. In diesem Zusammenhang erscheint uns der eine als das geistige Haupt des national-intellektuellen Ostjudentums; und was Nathan Birnbaum betrifft, so galt er uns bis vor Kurzem noch als einer der berufensten Intellektualisten des nationalen Westjudentums, von dem er dann freilich immer bewußter sich abwandte, und ihm nunmehr in seiner jüngst erfolgten feierlichen ,»Absage an die westlichen Intellektuellen" für immer den Rücken zu kehren gewillt ist. Diese seine neueste Wendung und religiöse Wandlung bleibt hier noch außer Betracht; hier ist er uns der Repräsentant der westjüdischen Intellektualisten, oder genauer jener anderen repräsentativen Form des Nationalen, die wir dem politischen Zionismus als nationalintellektualistische beiordnen, oder wo es sich erfordert, ihm gegenüberstellen. Damit aber haben wir auch schon eine genauere und notwendige Grenze gezogen für die Stellung Achad Haams und Nathan Birnbaums gegenüber Theodor HerzL Sein Grundelement ist der politisch-zionistische Nationalismus; ihres ist der nationale Intellekt. In Theodor Herzl verkörpert sich der in diesem modernen Menschen elementar sich durchbrechende Wille zum Judentum; ein reiner, edler, stolzer Wille, der bei alledem seine stärksten Impulse von außen bezieht. Wir wollen hier Herzl selber das Wort geben: „Das ist die ideelle Grundlage unseres Zionismus* * — so lautet eine Stelle in dem gleichnamigen Aufsatz, den Herzl in der „North American Review" im Jahr 1897 veröffentlichte*). „Wir haben sie freilich nicht aus lauter Idealismus entdeckt. Die Wahrheit, wie wir dazu gelangten, ist leider wenig rühmlich, aber wir wollen sie ruhig eingestehen. Wir wurden dazu geführt durch den neuen Feind, der uns überfiel, als wir eben in voller Au'lösung begriffen waren: durch den Antisemitismus. . ." . . „Ich glaube, ich wußte vorher gar nicht, daß izh ein Jude war. Und so ist es wohl manchem westlichen Juden ergangen, der sein Volkstum schon völlig vergessen hatte: die Antisemiten haben es immer wieder aufgeweckt. Freilich, von solcher Erregung bis zu dem bewußten Entschlüsse, wie er in der jetzigen zionistischen Bewegung sich äußert, ist es noch ziemlich weit. Ich für meinen Teil brauchte dazu zwölf oder dreizehn Jahre. Zum Zionisten hat mich nämlich — der Prozeß Dreyfus gemacht. . . unter dem erschütternden Eindruck dieses Prozesses schrieb ich den „Judenstaat". Als ich zu den Konklusionen gelangte — daß es für die Juden keine Hilfe und Rettung gibt, als die Rückkehr zur eigenen Nation und die Seßhaftmachung auf eigenem Grund und Boden — da war ich meinem Volks noch ein Fremder. Ich wußte wenig von den Zuständen unserer armen Masssn und nichts von den neueren Bewegungen im Judentum. Erst durch meine Publikation geriet ich in diesen Kreis, erfuhr ich von den Männern, die lang oder kurz vor mir ähnliches geschrieben hatten. . . Die Ideen von Heß, die männlichen Vorschläge von Pinsker. .. Birnbaum und anderen hatten zur Erziehung unserer Jugend viel beigetragen. . . Wer weiß, ob ich es gewagt hätte, mein Buch zu veröffentlichen, wenn mir die bedeutenderen Arbeiten des Deutschen Heß und des Russen Pinsker bekannt gewesen wären. Als ich es *) Theodor Herzl, Zionistische Schriften, S. 121 und 124.

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