Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Nationale Ideologien im Judentum der Gegenwart
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 748 (sequence 1)
- Language
- German
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748 Bernard Tag: NATIONALE IDEOLOGIEN IM JUDENTUM DER GEGENWART in. Wir haben im Voraufgehenden immer wieder auf einen Sinn des Nationalen hingewiesen, der sich mit dem politischen Nationalismus Theodor Herzls nicht ganz identifizieren ließe. Dieser anderen Deutung wollen wir jetzt unsere Aufmerksamkeit widmen. Wir bemerken zunächst, daß wir ein wenig in Verlegenheit sind wegen eines richtigen Namens für dieses Andersartige. „Kulturzionismus" — eine Benennung, die ja einmal geschichtlich approbiert wurde — müssen wir ablehnen; denn mit dem Nationalen, das wir meinen, sind sowohl Zionisten als auch Nichtzionisten umfaßt. Nennen wir sie denn zum Unterschied von den Nationalpolitischen — die Nationalintellektuellen oder nationale Intellektualisten. Anfänglich, auch das berührten wir schon, nahmen sie an der Bewegung teil, ohne besonders beachtet zu werden; aber im weiteren Verfolg verdichteten sich ihre Tendenzen zu einer ihres jüdischen Nationalismus sich immer mehr bewußten Form, und hie und da auch zu bestimmten nationalen Sondergruppen, die zuweilen, wie etwa die „Kulturzionisten", in offene Opposition zum bloß politischen Naticnalismus traten. Zu einer strengeren Organisation freilich haben es die nationalen Intellektualisten eigentlich niemals gebracht, und sie konnten es auch gar nicht dazu bringen gemäß ihrem innersten Prinzip, als welches ein kühnes Hinabtauchen in die Tiefen des Judentums gelten darf, aber freilich auch in die subjektiven Schächte selbeigenen Fühlens und Denkens. Da wäre es denn ein reichlich lohnendes, aber recht schwieriges Beginnen, bei dem stark individualisierenden Zug, der durch dieses nationale Empfinden geht, eine genaue Charakteristik seiner zu versuchen. Das ist eine Aufgabe für eine Geschichte des jüdischen Nationalgedankens und der nationalen Ideologien im Judentum.*) Worauf allein es uns hier ankommt, ist, mit Nachdruck zu betonen, daß sich im jüdischen Intellektualismus eine nationale Form herauskristallisirt hat, die neben und gegenüber dem national-politischen Zionismus mit gutem Recht ihre Ebenbürtigkeit vertritt, — ob sie nun den Zionismus öder Hauptstücke von ihm bejaht oder verneint. Ihre historische Bedeutung aber für die jüdische Bewegung *) Einer prinzipiellen Bemerkung sei hier allenfalls Ausdruck gegeben in Ergänzung des oben vom „jüdischen Historiker" Gesagten. Ich halte es für ersprießlich und für notwend;g, daß in der allgemeinen Betrachtungsart des Judentums und seiner Probleme, ganz besonders aber dort, wo es sich um geistige Inhalte und Werte handelt, der geschiehtspsychologische Gesichtspunkt mehr und stärker als es bis jetzt der Fall war, zur Anwendung kommt. Die unter uns übliche theoretische Form ist entweder Monolog oder — Duell. Das um jeden anderen unbekümmerte Selbstgespräch und die grobschützige Polemik gegen den Einzelnen sind nirgends so beliebt wie bei uns. Dem sei nicht gewehrt. Die heftige Polemik bringt unser Temperament mit sich; daran ist nicht zu ändern; und jene romantisierenden Monologe kommen uns in der Regel von den neu hereinstürmenden Kräften aus der Peripherie der jüdischen Jugend und des jedenfalls sich jung fühlenden Judentums. Sie seien herzlich willkommen. Aber daneben möchte sich nur auch in unserer theoretischen Betätigung eine solidere, auf gegenseitiger Achtung und Beachtung beruhende, lebendige und lebendig sich fortpflanzende Tradition herausbilden, die nicht unwesentlich zur Verstärkung und Vertiefung beitragen sollte des Gefühls jüdischer Gemeinschaft. Was könnte solches mehr bewirken als das sachlich begründete, von persönlicher Wärme durchhauchte Anknüpfen geistiger, seelischer Beziehungen zu ihnen, die vor oder mit uns am gemeinsamen Werke tätig sind.