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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 10-11 · p. 710

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 10-11
Article
Mendele Mocher Sforim
Date
1917-01-01
Page
710 (sequence 3)
Language
German
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7io M. Ehrenpreis: Mendele Mocher Sforim Fülle und Nuancierungsfähigkeit des Ausdrucks. So wurde er, der größte Jüdischist, zugleich der Schöpfer unseres neuen, lebendigen Hebräisch; teilweise durch ihn ist die rasche Entwicklung des Hebräischen als Umgangssprache in Palästina vorbereitet und möglich geworden. Man kann von ihm sagen, er habe das Wunder vollbracht, unsere beiden Volkssprachen virtuell zu einem einheitlichen Ausdruck der Volksseele zusammenzuschmelzen. Sein Jüdisch ist durchdrängt von den Ausdrucksformen des geschichtlichen Hebräisch, es ist hebraisiert; während sein Hebräisch den Duft des täglichen Lebens der Gasse ausstrahlt, erfüllt von Wirklichkeit und Bewegung; es ist im edelsten und höchsten Sinne jargonisiert. Doch was ich an ihm als das Bedeutsamste und Bleibendste empfinde: er ist der größte Dichter des Judenschmerzes; des Judenschmerzes als einer schöpferischen, erhaltenden und lebenerzeugenden Kraft. Was ist Judenschmerz? Heine hat ihn geahnt und versucht, ihm einen zarten Ausdruck zu geben. Bialik und Schneur haben ihm ihre ergreifendsten Lieder gewidmet. Mendele aber hat den Judenschmerz am tiefsten empfunden und er gab ihm einen starken, künstlerisch vollendeten und unvergänglichen Ausdruck. Was ist ihm Judenschmerz? Die unsäglichen Leiden einer Massenseele, die im Fernen und Vergangenen wurzelt, durch wechselvolle fremde Welten gewälzt wird, sich ständig in innerer Zerrissenheit und peinvoller Sehnsucht verzehrt. Seine „Kliatsche", dieser Arbeitsgaul, häßlich, mager und ausgehungert, von allen Gassenjungen gehetzt, gezaust und geprügelt, von jedermann verspottet und angespukt, schleppt doch unermüdlich und unverdrossen den Karren mit Büchern durch die Welt, willig, gehorsam und von einer heroischen Ausdauer. Diese „Kliatsche" ist ihm ein Symbol des ganzen Judenvolkes, dem keine Demütigung, keine Verfolgung, kein Druck erspart geblieben, das aber doch in heldenhafter Ausdauer seinen Bücherwagen durch die Welt schleppt, in tragischer, ergreifender Treue. Wären wir ein Volk wie alle Völker, nicht ein „auserwähltes*' Volk, sondern einfach ein Volk mit gesunden Instinkten, mit der natürlichen Dankbarkeit für große, bleibende Leistungen, dann würde Schalom Jakob Abramowitsch einen ragenden Ehrenplatz in unser aller Gedenken und Empfinden einnehmen. Sein lichtes Bild mit den verstehenden, kluglächelnden Augen und dem beredten Mund würde an den Wänden unserer Salons und der bescheidenen Wohnhütten prangen. Seine „Kliatsche" würde in unzähligen Auflagen, mit künstlerischem Schmuck geziert, den Büchertisch unserer Familien schmücken, unsere Töchter würden sie auswendig kennen und in unseren Schulen würde man ihre besten Abschnitte lesen und immer wieder lesen. Doch, wer weiß? Schon schimmert vom Osten ein, ferner Lichtstrahl, und nahe scheint der Tag, wo das Judentum in seiner alten Heimat eine neue Stätte für seine Eigenart errichten wird. Dann wird auch Mendele zu neuem Leben wiederaufstehen. Und in weiter Ferne sehe ich die Umrisse des Denkmals, das sein Volk ihm errichten wird. Es steht auf einem jener volkreichen Plätze Jerusalems, der umstrahlt ist von Erinnerungen an einstige Größe, — da steht Mendele mit seinem guten, befreienden Lächeln und neben ihm sein wackliger Bücherkarren mit dem verhungerten, mageren, zerschlagenen Gaul, — ein erhebendes Beispiel für kommende, glücklichere Geschlechter, die mit Dankbarkeit und Verehrung zu der sonderbaren Gruppe hinaufblicken. Stockholm M. Ehrenpreis

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