Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Mendele Mocher Sforim
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 709 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Mendele Mocher Sforim 709 sammten Ghetto-Literatur, der originalen und der fremdsprachlichen, gewesen. Nein, lächelnd und verstehend trat er an diese traurige, luft- und lichtlose Welt heran. Wie ein guter Großvater, der nicht zürnen, sondern nur bemitleiden kann, erzählt er von seinen armen, lieben Juden aus Glupsk, Kabzansk und Tunejadewka, von ihren kleinen Sorgen und noch kleineren Freuden, von ihren Lächerlichkeiten, Beschränktheiten und ihren harmlosen Gemeinheiten. Diese Einzelschilderungen wachsen unter seiner schöpferischen Hand zu einem ergreifenden Gesamtbilde des Lebens der jüdischen „Gasse" empor, zu der erschütternden Tragödie des ostjüdischen Lebens in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, David Frischmann hat mit Recht gesagt, daß, wenn eine Feuersbrunst alles vernichten würde, was in den letzten Jahrzehnten hebräisch und jüdisch geschrieben und gedichtet wurde, und nur die Schriften Mendeles übrig blieben, sie allein genügen würden, um ein getreues Bild vom äußeren und inneren Leben der Ostjuden im letzten Zeitabschnitt zu geben. Er hat nicht Einzelerlebnisse und Einzeltypen geschildert; seine gesammelten Werke sind im Grunde nur ein einziges zusammenhängendes Werk in mehreren Teilen, — die große Epopöe des Ost Judentums, welches dargestellt wird in allen seinen Typen und Differenzierungen, in allen seinen Manifestationen und Lebensäußerungen, in allen seinen Tiefen und Höhen. Mendeles Werk ist die erschöpfende Naturgeschichte des Ostjudentums im vergangenen Jahrhundert Er war auch der Erste, der die Grenzen der Judengasse sprengte und die Natur wieder ins Judentum zurückführte. Wohlverstanden, nicht die literarische Nattir der Maskilim, nicht die Zedern des Libanon und all das andere Entstellte und Ferne, das eine blutleere Phantasie als Surrogate der Wirklichkeit an die Wand malte. Er erlebte und schilderte vielmehr den Zusammenstoß und den Zusammenklang des sonnenlosen Lebens des „Städtchens" mit der wirklich umgebenden Natur, mit den Wäldern und Bergen Podoliens, mit den weiten Wiesen der Ukraina, mit den Pferden und Ziegen und Hunden, welche dieselbe Luft atmen und von derselben Sonne beschienen werden, wie die armen Juden von Glupsk und Kabzansk. Und schließlich war er der Neuschöpfer beider jüdischen Literatursprachen: des neuen Jüdisch und des neuen Hebräisch. Unter seiner gestaltenden Hand verlor das Jüdische all das Rohe, Ungeschlachte und Banale, das ihm vorher anhaftete. Er hat dieses Volksidiom geadelt, ihm die Seele eingehaucht, aus ihm alles Tiefe, Echte und Menschliche hervorgelockt, das in ihm verborgen lag. Erst durch ihn sind Perez, Scholem-Alejchem, Asch, Reisen und alle die anderen möglich geworden. Für unser heutiges Hebräisch war er aber weit mehr. Dies hat er als lebendige poetische Sprache gewissermaßen erst entdeckt. Vor ihm lebten, oder richtiger vegetierten die einzelnen „Provinzen" des Hebräischen fremd nebeneinander, in voller Abgeschiedenheit: das Bibel-Hebräisch für poetische Zwecke, das Mischna-Hebräisch für Wissenschaft, das Selichot-Hebräisch für Erbauung. Mendele aber war, wenn ich so sagen darf, der Begründer der vereinigten Provinzen der hebräischen Sprache. Unter seiner Schöpferhand vereinigten sich alle historischen Schichten des Hebräischen: Bibel, Mischna, Gemara, Midrasch, Gebete, die mittelalterliche Philosophensprache. Alles vom Debora-Liede bis zu Mose Chaim Luzzattos Visionen, alles, was Jahrtausende an Ausdruckskraft und sprachlichem Gestaltungsvermögen aufgespeichert hatten, gestaltete sich unter seiner Hand zu einem einzigen '„Großhebräisch" von einer unendlichen