Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Vierhundert Jahre türkisches Palästina
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 708 (sequence 7)
- Language
- German
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7o8 M. Ehrenpreis: der Erschließung Palästinas ihre Berufung erblicken, und wird sie die Fähigkeit und Einsicht besitzen, machtvoll und vertrauend ihnen ihre Auswirkungsmöglichkeit zu gewähren? Dann wird in der Tat eine neue Epoche beginnen. Berlin R. Salm an MENDELE MOCHER SFORIM (Aus einer Gedenkrede) In einer inhaltsvollen Entscheidungszeit, in der das Ostjudentum seine allerschwerste Krise und doch auch wieder die Stunde seiner höchsten Spannung erlebt, ist derjenige aus dem Leben geschieden, der dieses ostjüdische Volk am stärksten geliebt, der es am besten gekannt und der es am treuesten und ergreifendsten geschildert hat. Schalom Jakob Abramowitsch (Mendele Mocher Sforim) ist der dritte in der Reihe jener Großen der jüdischen Literatur, welche in diesen letzten drei Jahren des großen Sterbens in der Welt von dannen gegangen sind. Perez und Scholem-Alejchem, die weitaus jüngeren, sind ihm im Tode vorangegangen, nun folgt der „Großvater" den „Enkeln", — er, der das Leben so sehr liebte. „Seide", Großvater, nannte ihn der Volksmund, und als Großvater wird er in unserem literarischen Pantheon durch die Jahrhunderte weiterleben. Großväterlich war sein Charakter als Neuerer, als Beginner, als Entdecker einer neuen Stoffwelt und als Schöpfer eines neuen dichterischen Stils, Mit ,»Großvater" meint das Volk Grundleger, Neuschöpfer, einen, der nicht fortsetzt, nicht fremde Erbschaft verwaltet, sondern anfängt, der seinen selbstgeschaffenen Reichtum kommenden Geschlechtern als gesegnetes Erbe hinterläßt. Großväterlich war ferner seine Abgeklärtheit, seine ruhige Besonnenheit, die breite epische Behaglichkeit seines Vortrages, sein tiefer Ernst und seine unbedingte innere Ehrlichkeit. Großväterlich war aber vor allem sein liebevolles Verhältnis zu denen, von welchen und für welche er dichtete, seine verstehende und verzeihende Güte, sein sanftes, wärmendes Lächeln über all die Dummheit, Beschränktheit und Boshaftigkeit, die unsterblich in seinem Gesänge leben sollten. Mendele Mocher Sforim war der erste, der sich durch all den Bücherstaub, der unser Leben bedeckte, durch all die Papiermassen, die gleich undurchdringlichen Vorhängen vor unserer Wirklichkeit hingen, durch diese ganze ephemere papierene Schreibtischwelt, welche ein Geschlecht lebensfremder Büchermenschen (genannt: Maskilim) aufgerichtet hatte, — der sich durch all das und über all das hinweg den Weg zur ostjüdischen Wirklichkeit bahnte. Sanft schob er alles Störende beiseite, leise und behutsam zog er alle Schleier hinweg, und ernst, mit stillen Schritten, von tiefer Ehrfurcht vor der Majestät des Lebens durchdrungen, wagte er sich an dieses Leben selbst heran. Lange stand er nachdenklich vor dessen Offenbarungen, sehend, hörend, verstehend mit seinem ruhigen tief bohrenden Verstände. Dann erzählte er, was er gesehen, mit der breiten, behaglich gemächlichen Kunst der großen Epiker aller Zeiten. Nicht spottend trat er an dieses Leben heran, wie jene sich überlegen dünkenden Aufklärungsphilister, denen der Sinn für Eigenart und für geschichtlich Gewordenes abging; nicht karrikierend und übertreibend, wie es die Art unserer ge-