Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Zur Geschichte der "Zionsliebe"
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 677 (sequence 8)
- Language
- German
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Zur Geschichte der „Zionsüebe" 677 das Ziel der Gesellschaft teuer sei, müsse er der Leitung entsagen und seine Stelle an wichtigere und hervorragendere Männer abtreten. Lorje wurde jedoch von alledem wenig bewegt und wollte auf keinen Fall von der Leitung zurücktreten. Der Kampf dauerte mehr als ein Jahr und brachte der Gesellschaft wie der Bewegung überhaupt vielen Schaden. Bis endlich eine Konferenz, von einigen Vertretern der Berliner Gemeinde einberufen, an der sich Kalischer und andere Kapazitäten beteiligten, beschloß, in Berlin eine große Gesellschaft für Besiedlung Palästinas, mit Zweigvereinen in der Provinz, zu begründen. Im Juni 1864 fand in Berlin die Gründungsversammlung der neuen Gesellschaft statt. Zum Sitz des Zentralkomitees wurde Berlin bestimmt. Auf der Versammlung wurde unter anderm beschlossen, in Palästina nur die dort ansässigen Juden zu kolonisieren. Die Frage der Einwanderung ausländischer Juden wurde gänzlich außer acht gelassen. Man beschloß auch, dem Zentralkomitee den Namen des seligen Dr. Sachs, des ersten Anregers des Vereins, beizulegen. Der „Hamagid" begrüßte freudig die neue Gründung, fügte aber hinzu: „Wir hoffen, der erste Gründer, unser gelehrter Freund Dr. Lorje, der demselben Zweck zustrebt, wird der geehrten Gesellschaft seine Hand reichen, damit nicht die Sache in zwei Lager gespalten bleibt, denn die Arbeit muß einheitlich sein." Es verstrich aber eine Zeit und das Berliner Komitee gab kein Lebenszeichen. Die Enttäuschung der echten Palästinafreunde, die anfangs auf die neue Gesellschaft so große Hoffnungen setzten, war eine tiefgehende. Von verschiedenen Seiten, auch durch den „Hamagid", begann man das Komitee aufzurufen, aber vergeblich. Der alte Rabbiner Kalischer schrieb und schrieb, mahnte immer wieder die Berliner, erhielt aber keine Antwort von ihnen; endlich hielt er es nicht mehr aus und fuhr, trotz des sehr strengen Winters, von Thorn nach Berlin,« um persönlich gewahr zu werden, weshalb das Komitee so untätig blieb. Da erfuhr er ein „Geheimnis": die Berliner könnten nichts tun, weil Jerusalemer Rabbiner dagegen seien. Vom Jerusalemer Chacham-Baschi, R. David Hasan, wußte aber Kalischer, daß die Sache sich umgekehrt verhielt, daß in Wirklichkeit alle palästinensischen Rabbiner und Gelehrten die Besiedlung Palästinas für eine große Mizwah hielten. Kalischer schüttete nun sein verbittertes Herz im „Hamagid" aus und äußerte öffentlich sein Bedauern, daß man einen so energischen Arbeiter wie Dr. Lorje in Frankfurt beseitigt habe. Die Redaktion des „Hamagid" begleitete die Zuschrift Kalischers mit folgender Anmerkung: „Das Herz tut uns weh, und wir können darüber nicht viel sprechen. Was haben wir dadurch erreicht, daß wir Dr. Lorje die Hände fesselten und an die Spitze unserer großen Arbeit die Berliner Männer stellten? Lorje tat wenigstens alles, was er vermochte. Er schrie und alarmierte und weckte die Schlafenden. Und die Berliner! — Die schlafen selber und schläfern auch die andern ein; nicht genug, daß sie nichts geschaffen haben, tun sie noch unserer hohen Sache großen Schaden." Alle sehnten sich jetzt nach dem Dr. Lorje. Von überall her verlangte man, er solle wieder an die Spitze der Arbeit gestellt werden. Es war aber zu spät dazu. Aus Kummer und Verzweiflung über die ihm von Berlin aus angetane Kränkung war Lorje in Schwermut verfallen und eines Tages verschwand er vollständig aus der Öffentlichkeit, um nicht mehr zurückzukehren. Wilna S. L. Zitron