Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Nationale Ideologien im Judentum der Gegenwart
- Date
- 1927-01-01
- Page
- 666 (sequence 2)
- Language
- German
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666 Bernard Tag: aus dem stummen Bereich bloßer Gefühle heraustreten sollen in die Klarheit präzis zu bestimmender Gedanken? Was ist Judentum? Wo ist die Zauberformel für eine Antwort, die so ausfallen müßte, daß sie alle, dies ich zum Judentum bekennen, zu positiven Gemeinsamkeiten verpflichtete, aber sie alle auch im Tiefsten einte zu wirklicher Lebenspinheit? Nun, ich zweifle nicht daran, daß die Triebkräfte, die in uns walten, uns die Antwort auch bringen werden. Ich wüßte auch schon Menschen, vielmehr eine Menschenart, die ganz besonders dazu berufen wäre, dem lösenden Wort suchend auf die Spur zu folgen,, und die nur unter uns Juden bis daher allzu spärlich und allzu selten zu finden war: ich meine den Historiker. Das Judentum der Gegenwart hat uns jüdische Künstler beschert; es hat uns jüdische Dichter gegeben; es gibt uns Tag für Tag jüdische Theoretiker; warum sollte es uns nur gerade die Geistesart versagen, die wir jetzt so sehr benötigen: den Historiker des Judentums, der unbeirrt von den Differenzierungen, Gegensätzen, Parteien und Richtungen, alles, was lebenskräftig in unseren Reihen ist, mit ruhig und klar überschauendem Blick zu einem Lager sammelte. Für ihn, denke ich, wäre jetzt die Zeit gekommen. Denn zwei wesentliche Momente, die Geschichtliches konstituieren, sind jetzt schon gegeben: das eine sind die unter uns fluktuierenden jüdischen und nationaljüdischen Tendenzen und Ideologien, die die Gemüter bewegen und immer energischer der Wirklichkeit zustreben; das andere ist das Vorhandensein einer historisch bedeutenden Tatsache, als welche die Entstehung der nationalen Bewegung fraglos angesehen werden darf; eine Tatsache, an die als an einen natürlichen Ausgangspunkt aller jener Tendenzen und Ideologien der geschichtliche Faden des Judentums geknüpft, vielmehr wiedergeknüpft werden sollte. Man wird vielleicht mit einigem Bedenken der Betonung gerade des Historischen begegnen; aber es gibt zweierlei Historie und zweierlei Historiker. Die Wurzel zwar ist eine gemeinsame; es ist der angeborene Trieb nach dem Wissen um das Vergangene, um das Gewesene, das Gewordene, also auch das Werdende; ein Trieb, der uns allen eignet. Im Geschichtschreiber verdichtet sich dieser Trieb zu einer besonderen Energie und Form, die Begebenheiten und Inhalte des Völker- und Menschenlebens in ihrer Ursächlichkeit zu erfassen. Während es aber dem einen Geschichtschreiber tatsächlich bloß um die Vergangenheit zu tun ist, in deren unerschöpflichem Detail er schwelgt, fremd fast und gleichgiltig gegenüber dem, was um ihn selbst, was in der Zeit, in der er lebt, vor sichgeht, — verspürt man bei dem Historiker, den wir meinen, auch wo er die Vergangenheit nachbildet, den leidenschaftlichen Zug des Lebens und der Gegenwart. Dieser Art Historiker fällt in allen entscheidenden Schicksalsstunden eines Volkes die Rolle zu eines Erregers der in ihm schlummernden Kräfte und eines Erweckers zu schöpferischer Tat. Möchten uns nur bald solche Menschen kommen! Uns obliegt es inzwischen, um die Antwort, um die Lösung uns selber zu mühen. Und so wenden wir uns füglich dorthin, wo die. Arbeit und die Mühe darum zu einer mit vollen1 Bewußtsein geforderten Pflicht geworden ist: zum nationalen Judentum, und innerhalb dieses zu dessen straffster Zusammenfassung: dem Zionismus. Es hat, denke ich, einen guten Sinn, wenn wir „National" und „Zionistisch zu Zeiten auseinanderhalten. Zionistisches Judentum ist allemal auch nationales Judentum; aber nationales Judentum ist, wie wir wissen, nicht notwendig, un(* jedenfalls nicht in allen Stücken, Zionismus. Der nationale Jude, auch wenn er