Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Nationale Ideologien im Judentum der Gegenwart
- Date
- 1927-01-01
- Page
- 665 (sequence 1)
- Language
- German
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Bernard Tag: Nationale Ideologien im Judentum der Gegenwart 665 NATIONALE IDEOLOGIEN IM JUDENTUM DER GEGENWART*) I. In allem menschlichen Geschehen spricht sich ein Doppeltes aus: das eine ist das einmalige Ereignis in der Wucht seiner Unmittelbarkeit, und das andere die Dauerwirkung, die davon ausgeht für die Folge der Zeiten, Eine Begebenheit, ein Erlebnis erschöpft sich nicht in und mit dem Augenblick des Daseins und Da-Gewesenseins; die Kette seiner Wirkungen erstreckt sich bis in jene dunklen Gründe hinein, die das Geheimnis alles Seins umschließen. Das Wunder aber stetig fortdauernder Wirkung — vom Persönlichen zu schweigen — vollzieht sich im Leben der Gemeinschaften und Völker als das, was sich an ihnen als geschichtliche Macht erweist Von hier, dieser zutiefst verankerten Macht — es kann eine einzige, einzigartig bestimmende, es können ihrer mehrere sein —'• gehen für die Idee und für die Wirklichkeit die stärksten Antriebe aus zu schöpferischer Tat. Alle die geschichtsphilosophischen Konstruktionen vom Charakter und Wesen der einzelnen Völker, von ihrer Bestimmung, ihrer Mission wurzeln im Nähr- und Mutterboden geschichtsbildender Mächte. Auf ihnen beruhen die bei allem Tiefgang der Gedanken besonnen in die Klarheit strebenden Ideologien, die auch mitten in die kämpf durch tobte Wirklichkeit Bilder heraufkommenden, neuen Lebens projizieren. Bis die Tat es verwirklicht hat, — was vermag die Ideologie anderes, als sich im Worte zu künden? Das aber ist nichts Geringes. In ihren Anfängen ist jede Bewegung Ideologie; und jede Ideologie kann zur Bewegung werden. Und damit wird sie zu einer geschichtlich wirksamen Macht. Unter diesem Gesichtspunkt wollen wir unseren Blick richten auf die Ideologien im Judentum' der Gegenwart. Wir wissen jetzt, wie wir sie zu nehmen haben. Es soll uns nicht irre machen, daß wir es mit einer Mehrzahl und nicht mit einer einzigen und eindeutigen Ideologie zu tun haben. Und auch das soll uns nicht schrecken, daß die Flut von Ansichten und Anschauungen scheinbar oder tatsächlich Übertriebenes und Phantastisches mit sich führt. Es kann ja gerade dies ein Zeichen sein von überschäumender Kraft, die einmal auf das rechte Maß zurückgeführt, sich von fruchtbarster Wirkung erweisen möchte. Und weiter: stellen die Ideologien' allzu hochgespannte, unmöglich scheinende Forderungen, so sollen sie es vor uns zu verantworten haben; widersprechen sie, widerstreiten einander, so wollen wir sie, eine jede in ihrer Art und Eigenart erkennen, nach ihrem Rechte gewissenhaft forschen. Uns nämlich verlangt es leidenschaftlich, den Kreis des Jüdischen so groß und so weit zu ziehen, daß in ihm Jegliches zu Worte und zur Wirkung kommt, was des Wortes und der Wirkung würdig ist. Denn wir meinen: was jetzt innerhalb des Judentums vor sich geht, was diese Zeit in uns alsjuden aufgerüttelt hat**) — das ruft, ja schreit nach Menschen, die kommen müßten zu sammeln, zu ordnen um diesen einen Mittelpunkt: um ^as Judentum — alles, was sich zu ihm bekennt. Allein das Bekenntnis zum Judentum — was schließt es in sich, sobald wir *) Der uns vor mehreren Monaten übersandte Beitrag konnte, aus technischen Gründen nicht früher veröffentlicht werden. (Anm. d. Red.) **)' über die allgemeine Stellung des Judentums zum und nach dem Weltkrieg vgl. meinen Aufsatz im „Jüdischen Volkskalender" 1916/17, Jüd. Kunstverlag, Brünn. Heft io/ii. AC