Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1916)
- Article
- Max Brods neuer Roman
- Date
- 1916-05-01
- Page
- 136 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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136 Bemerkungen seiner Qualen und Freuden von sich; während unter seinen Augen sein Hauswesen verwildert, die Lieblingstochter verzweifelt um Bräutigam und Ehre kämpft, sieht Tycho nur den endlich gefundenen, den einen Weg Keplers. „Du bist jetzt meio Vorbild, mein Lehrer, ich bin dir Schüler. Frei will ich sein wie du, unklug, blind, bewußtlos, nur für unsere Kunst leben und für nichts anderes in der Welt." Freilich dauert dieser Rausch nur Tage. Tycho ist zu tief in die Händel der Welt verstrickt, als daß er sich nicht um sie kümmern müßte. Die Welt läßt ihn nicht los. Und da Tycho, der sich Kepler bedingungslos angeschlossen hatte, glaubt, dieser werde nun auch mit ihm und für ihn sich in die Händel dieser Welt einlassen — versagt Kepler. Ihm ist die Welt nichts, was können die Anfeindungen dieses Nichts dem Lehrer anhaben? Aus dieser bittersten Enttäuschung seines Lebens vollzieht sich in Tycho die große Wandlung. Er sieht ein, daß Kepler sich nur um den Preis der Liebe seine Unbeirrtheit rettete. Diese innere Sicherheit — sie war doch nur Egoismus. „Ich aber sehe nicht nur mich, sondern auch meinen Zusammenhang mit den Menschen, unter denen ich leben muß." Nur die liebe war es, die ihn in tausend Verlegenheiten und Zweideutigkeiten gebracht hatte und die er nun als das Höhere erkennt gegenüber der Unangefochtenheit Keplers. Helfen will er von nun ab, mag er dabei auch immer wieder geprellt und enttäuscht werden. So findet Tycho sich selbst wieder, Aufgabe, Sinn seines Lebens, den Weg zu Gott, Wir sind erschüttert Zeugen der letzten Phase seines Lebens, wo er den wiedergefundenen Weg geht, nun auch mit der Unbeirrtheit der sichern Richtung, die aber im Gegensatz zu der Keplers durch klare Bewußtheit erworben ist: dem Zwiespalt abgerungene Einheit. Ich erwähnte schon vorhin die grandiose Szene vor den Söldnern, wo Tycho den Brand seiner Seele in die Welt hinausschreit und in gewaltiger Kühnheit Jesu letztes Wort: „Es ist vollbracht" in sein Gegenteil verkehrt: „Mein Gott, es ist nicht vollbracht, warum hast du mich verlassen?" Gottes Werk ist nicht vollbracht, und wir sind da, es zu vollbringen. Wir haben das „Es wurde vollendet" wahr zu machen, haben Gott zu segnen; das ganze Volk muß das Heiligtum bauen, auf daß Gott in ihm wohnen könne. „0 ja, meine Freunde, ich glaube es, ich horche in mein Innerstes und i glaube es, eine Ewigkeit ist es, die ich da aus meinen Pulsschlägen, aus meiner Sehnsucht heraushöre. Ewig sind wir, unendlich sind wir mit unserer Demut, wir untröstlich Trauernden vor halbvollbrachtem Werkeln unseren furchtbaren Schmerzen sind wir1 unzerstörbar. Da wir einander nie zu Ende helfen können: sagt, Freunde, müssen wir nicht gerade deshalb ewig beisammenbleiben? So wie wir diese Nacht gemeinsam durchwacht haben bis zum Sonnenaufgang: müssen wir nicht so bis zu jenem Aufgang der geistigen Sonne treulich beisammensitzen und einander lieben?--'* Max Bf od hat an die Spitze seines Buche?» die Erzählung von Jakobs Kampf mit den Engeln gesetzt: Ich lasse dich nicht, du segnetest mich denn. An der bedeutsamsten Stelle des Buches ist es der hohe Rabbi Low von Prag, der mit Worten des Talmud die Lehre von der göttlichen Sendung des Menschen ausspricht. Der Dichter hat damit den Zusammenhang seines Buches mit seinem Judentum deutlich unterstrichen. Und wer Brods frühere Bücher kennt, wird bemerken, wie der Dichter selbst, gleich seinem Tycbo, nun durch schwere innere Not den Weg gefunden hat, zusammen mit seinem Judentum den Weg gefunden hat. Ich lege das Buch beiseite und denke an die Zeit, der es gegeben ward, und an die Schicksale unseres Volkes in dieser Zeit. Leiden ohnegleichen, Hingebung, Opferbereitschaft, ein Heldentum, wie wir selbst es kaum von unsern kriegsungewohnten Söhnen erwartet haben. Die Liebe schlug in Flammen empor .., Aber da fällt mein Blick auf die Zeitung. Ich lese von jüdischen Kriegslieferanteri, Preistreibern, Militärbefreiungsschwindlern; und drüben höre ich auch schon die Kameraden davon Sprechen, wie „die" Juden im Kriege reich wurden ... Gott, Gott, laß uns nicht verzweifeln! Laß uns die Hoffnung nicht aufgeben, daß einmal die Reinen und Wahren unter uns das Antlitz unserer Geraeinschaft gestalten werden! Wie viele von uns verzweifelten schon und wurden wie Kepler, tüchtige, begabte Wissenschaftler oder Künstlei, aber ohne Liebe und ohne das Gefühl der Verantwortung für die andern! Wenn euch, junge Juden, wieder die Verzweiflung packt — hier ist der Dichter, der euch tröstet und aufrichtet. „Ich aber sehe nicht nur mich, sondern auch meinen Zusammenhang mit den Menschen, unter denen ich lebe--" Danket Max Brod! Hugo Bergmann Füi die Redaktion verantwortlich; Dr. Max Mayer, Berlin-Wilmersdorf, UhJandstraBc xxo/m. — Für Österreich-Ungarn Di M. Präger, Wien I, Rotenturmstraße 22. — Verlag von R. Ldwit Berlin und Wien. — Druck von Oicar Brandstetter in UipzE*