Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1916)
- Article
- Max Brods neuer Roman
- Date
- 1916-05-01
- Page
- 135 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Bemerkungen Komponenten auf den objektiven Wert eines Kunstwerkes haben, wird immer ein schwieriges Problem bleiben» Otto Weininger bestrettet einmal, daß ein Kunstwerk, in dem nur gestaltende Kräfte offenbar werden, überhaupt auf den Rang eines Meisterwerkes Anspruch erheben könne; und es sind sehr klassische Werke — wenn ich nicht irre, sogar Homer — die er um dieser Gedankenarmut willen aus der Liste der ganz großen Schöpfungen streicht. Man wird wohl in dieser hohen Wertung der Reflexion einen jüdischen Zug sehen dürfen; es ist bezeichnend, daß der naivste hebräische Dichter der Gegenwart, Saul Tschernichowski, auch noch aus seiner Naivität ein Programm macht und „vor der Apollostatue" („Lime pesel Apollo") ein reumütiges Bekenntnis seines Griechentums ablegt. Zweifellos liegt aber in diesem Hang zur Reflexion für den jüdischen Dichter die große Gefahr, zu sagen, statt zu gestalten. Bei einem Dichter, wie Max Brod, der, immer wieder von sittlichen Problemen bewegt, über sein Kunstwerk hinaus zum unmittelbaren Wirken auf Menschen, zur Politik, zum Programm strebt, mag diese Gefahr besonders groß sein; zumal, wenn er in der Vielseitigkeit seiner reichen Begabung überdies auch noch mit philosophischen Problemen wissenschaftlich beschäftigt ist. (Ich verweise auf sein mit Felix Weltsch zusammen geschriebenes Buch „Anschauung und Begriff", das selbst vom engsten psychologischen Fachstandpunkte aus sehr ernst genommen sein will.) Nun aber tritt Max Brod mit einem Weltanschauungsroman vor uns, wo die Gefahr der bildlosen Reflexion noch unendlich gesteigert ist. Wenn sie dennoch ganz vermieden wurde, wenn wir in Brods Tycho*) eine Fülle von gewaltig konzipierten Gestalten kennen lernen, die ihren Kampf um Gott nicht mit Wort und Disput, sondern in einem grauenhaft bewegten inneren und äußeren Geschehen führen, so zeigt dies die große bildnerische Kraft des Dichters umso mehr. Tychos Weg zu Gott ist wie das Torkeln eines Trunkenen, er treibt von einer Eruption zur andern; Familienauftritte, Szenen, Gelage, Schießereien — so ist das Gottsuchen dieses vielumhergetriebenen Menschen. Mag dem Leser im Anfang vor all dem polternden Leben schwindlig werden — am Schlüsse erfaßt er die tiefe Notwendigkeit, daß dieses Leben förmlich durch die Gosse gehen muß, um am Schlüsse — in einer Szene von wahrhaft monumentaler •) Max Brod: Tycho Brahes Weg zu Gott. Leipzig, Kurt Wolff Verlag 19x6. Kraft — zwischen johlenden, Würfel spielenden, trunkenen Söldnern sich selbst und seinen Gott zu finden. Reizbar, mißtrauisch, heftig, so tritt uns Tycho Brahe entgegen, ein Mann von großen Leistungen, von Weitruhm, und dennoch in sich selbst unsicher, immer auf schlechte Nachrichten gefaßt, denen er dann ohne Willen und Widerstand erliegt. Und nun blickt er, wie der müde Vater auf den heranwachsenden Sohn, voll Angst und froher Erwartung zugleich, auf den jungen Astronomen Kepler, den er zu sifih eingeladen hat, um sich in ihm einen ebenbürtigen Schüler zu erziehen. „In Tycho und Kepler waren einander zwei Geistigkeiten grundverschiedener Art gegenübergetreten: der einfache, nichts berechnende, in seiner einzigen Richtung unbehindert weiter - stürzende, gleichsam unbewußte Kepler vnd der zwiespältig veranlagte Tycho, dessen Seele in wildeste Leidenschaft und zugleich nüchtern über sich selbst Rechenschaft wissenden Verstand ohne Bindung auseinander klaffte. In Kepler war trotz seiner Jugend alles ausgeglichen und zu höchsten Leistungen mühelos vorbereitet, während Tycho, unter der Last seiner widerspruchsvollen Natur fast zusammenbrechend, mit Anspannung aller Kräfte nach einer Einheit zu ringen schien." Die Erscheinung Keplers nun, dieses mit der Sicherheit des Nachtwandlers über alle Abgründe hinschwebenden Menschen, bringt Tycho vollends um alles innere Gleichgewicht. Denn Tychos Leben war Zwiespalt, Kampf, und er hatte gerade in diesem Kampf den Sinn seines Lebens gesehen. Die Welt schien ihm ein nicht gelungenes Werk des Schöpfers, die Natur voll von Unvollkommenheiten, das Menschenleben voll von Böswilligkeit und Unverstand. Da mußte er denn ein Weltschöpfer im kleinen sein, überall in der Runde Hand anlegen und die gebrechlichen Dinge zusammenhalten, dem Himmel das Heil abtrotzen. „Alles geht,*' pflegte Tycho dann zu sagen, aber es geht doch nur in unendlichem Ringen. Und dieses Ringen mit den Unvolikommenheiten der Welt schien ihm der Sinn des Menschenlebens. Nun aber kommt Kepler, das harmlose Sonnenkind, und ihm glückt alles ohne Mühe, ohne Kampf, selbstverständlich. Wozu nun Tychos mühseliges Leben, wozu der ganze Apparat von Überlegungen, Ausgleichungen, Kompromissen, wenn bei Kepler das Gute und Glückliche sich mit automatischer Sicherheit verwirklicht? — — Tycho wirft, in Keplers Unbeirrtheit das Ideal auch seines Lebens suchend, die ganze Fülle