Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1916)
- Article
- Mahnung
- Date
- 1916-05-01
- Page
- 134 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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*34 Bemerkungen lange nicht aus dem Judentum austreten muß, wenn man, wie ich mit vielen anderen, nicht mehr in den Tempel eintritt? Daß man sogar eine gewisse Art westjüdischer Tempel ate die sicherste und beste Endstation vor dem Vollzug des Austrittes ansehen muß? Aber wesentlicher als dies alles ist der Einwand, den ich jetzt nach Ihrem Beispiel gegen die Rechtfertigung Ihres Schrittes wage. Aus nationalem Idealismus haben Sie angeblich der jüdischen Konfession den Rücken gekehrt. Sie wollen das Judentum aktivieren, es der Passivität der Religion entreißen, es politisieren. Die Verneinung des Religiösen als erste Handlung soll eine „Mahnung'' bedeuten. Ich wage den Einwand: wie Sie das jüdische Volk durch die „Mahnung*4 Ihrer Fahnenflucht aktivieren werden und können und ob Sie das überhaupt wollen? Ich frage, ob das nicht eine leere und konventionelle Wendung ist, wie Sie sie sich sonst nicht erlauben; denn worin kann die „Aktivierung", die „Politisierung" (jetzt im Kriege die gebräuchlichsten Phrasen) eines Volkes anders bestehen als in der gemeinschaftlichen Arbeit vieler? Ich frage: genügt Ihnen die „Mahnung" Ihres Austritts oder sind Sie bereit, eine Partei der Ausgetretenen zur „Aktivierung" des Judentums 2U gründen, anders ausgedrückt: sind Ihnen Ihre eigenen Worte ernst oder nur eine ganz unverbindliche geistreiche „Verschleierung" — ein von Ihnen gegen den Adressaten Ihres Briefes erhobener Vorwurf — der wahren, vielleicht weniger idealen Gründe Ihrer Handlung? Haben Sie den Mut zur letzten Offenheit — auch gegen sich selbst? Glauben Sie ein Recht zu haben, über religiöses und nationales Judentum mitzusprechen, da Sie nicht einmal zu wissen scheinen, daß die als solche rein nationale Bewegung des Zionismus sowohl die religionstreuesten wie religionsfeindliche Menschen und sogar Parteien in sich vereinigt? Daß Sie also nach einem schlechten jüdischen Witz nicht das Haus anzuzünden brauchten, damit die Wanzen verbrennen, sondern es neuerbauen helfen konnten? (Heute geht es um die letzte Entscheidung: ist das jüdische Haus niedergebrannt, dann bleibt nichts mehr als Schutt und Asche; vergeblich wird man dann nach den alten und nach neuen Bausteinen suchen.) Der Adressat Ihres Briefes hatte recht, von Ihnen die „einfache", das ist die wortlose, die schweigende, durch keine geistreiche Erklärung verzerrte Treue zu fordern. Nichts charakterisiert besser die Verworfenheit einer Zeit als der Mißbrauch des Geistes. Das Unerhörteste mag geschehen, vor dem die Sprache ersterben müßte — heute wird es beredet. Vor dem Tode selbst, angesichts dessen ein jeder in der unvergeßlich erhabenen Gebärde aus Sokrates' Sterbestunde sein Haupt verhüllen sollte, macht die Schamlosigkeit der Worte nicht halt, er wird „gedeutet", bewertet, rationalisiert, psychologisiert. Das Fleisch ist heute Wort geworden und stündlich wird die Seele daran verraten und verkauft. Es gibt keine Lumperei (im Leben der Einzelnen wie der Staaten) mehr, die nicht ihre „Erklärung", ihre Rechtfertigung, ihre Größe — die Größe der an sie gewendeten Worte — fände, keine Gemeinheit, die nicht zur Geistreichheit würde, keinen Mangel und Fehler, der sich nicht schließlich als Reichtum und Vorzug entpuppte. — Als ich Ihren Brief gelesen hatte, drohte einen Augenblick mein Blut zu erstarren, mein Atem auszusetzen. So weit ist es nun heute bereits gekommen, daß man mit einer kalten Selbstverständlichkeit, die ohnegleichen ist, Worte, Vorstellungen und Begriffe, die man mit einer bestimmten Lebensrichtung verbindet, auf deren Gegenteil anwenden darf; daß der Verräter für sich die Treue in Anspruch nehmen, der Fliehende seine Flucht Tat nennen darf. Sie wollen das Judentum aktivieren, aus seiner Passivität herausführen, es politisieren und — treten aus?! Dieser „Mahnung" gegenüber ziemt nur eines: Schweigen. Nicht auf Ihre Handlung wollte ich auch hinweisen, sondern nur auf ihre Beschönigung, deren Unaufrichtigkeit geradezu quälend ist. Es ist einfach unerträglich, sehen zu müssen, wie so gute Worte an eine so schlechte Sache gewendet werden k&men. Im Neuen Testament ist die Rede von der schwersten aller Sünden, der „Sünde wider den heiligen Geist". Lange hat man gesucht, welche Sünde darunter zu verstehen sei. Ich kann es Ihnen heute sagen: es ist der Mißbrauch, die Erniedrigung, die Perversion des Geistes. Nicht Ihres Austrittes, den Sie mit sich allein auszumachen haben, weil Sie sein? wahren Gründe kennen, klage ich Sie an. Der „Sünde wider den heiligen Geist" klagt Sie das jüdische Volk an, dessen Mahnung aus der Rede eines Einzelnen sprechen muß, diesmal aus den Worten von Albrecht Hellmann Max Brods neuer Roman Das Verhältnis zwischen der reinen Gestaltungskraft des Künstlers und der Gedankenfülle, welche er in sein Werk verarbeitet, und der Einfluß, den diese beiden