Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1916)
- Article
- Mahnung
- Date
- 1916-05-01
- Page
- 133 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Bemerkungen 133 immer noch größer ist als alle Theorie und redliche, lebendige, rückhaltlose Teilnahme an der Not des eigenen Volkes größer als alle Politik". Was Sie darauf erwidern, ist so kostbar, daß ich es vollständig anführe: „Ich wage den Einwand: wie dieser Herr die Pogrome durch ,redliche Teilnahme an der Not* milderte? Ich frage im Gegenteil, ob das nicht eine leere und konventionelle Wendung ist, wie Sie sie sich sonst nicht erlauben; denn worin bestand diese ,redüche, lebendige und ruckhaltlose Teilnahme an der Not*? Bestand sie in der Zeichnung größerer Summen, die nach Rußland für die Juden geschickt wurden, so hat das nichts mit Religiosität zu tun;, bestand sie in einem verdoppelten Tempelbesuch, so. ward den Juden drüben in nichts geholfen. Geholfen im Gegenteil wäre ihnen vielleicht worden: wenn ihr Staatsbewußtsein schon früher geweckt worden wäre, und wenn dieser Herr jahrelang an dieser Weckung, nicht aber an einer »einfachen Treue' gearbeitet hätte. Angenommen, diese Arbeit würde ihm durch oftmalige Kontemplation in Gott erleichtert, so ist er ein religiöser Mensch, aber das bleibt seine eigene Angelegenheit." Und zum Schlüsse betonen Sie: „die »einfache Treue* macht unfruchtbar, Treue muß getan werden; Treue halten ohne Tat und Bewußtsein, ist bequem und immer gehalten, auch wenn man sie vergißt. Treue ist nicht ,einfach*. ,Einfache Treue* ist jene Litanei, die Sie und alle um Sie nicht aus dem Schlaf kommen läßt." Ich will mich nicht lange bei einzelnen Stellen Ihres Briefes und ihrer oft grotesken Komik aufhalten. Etwa der geradezu schwindelnden Naivität, zu meinen, der Austritt hervorragender Juden aus dem Judentum könnte Ihr konstruiertes Staatsbewußtsein", nämlich ein Bewußtsein vom Staate, der noch gar.?*cnt vorhanden ist, erwecken und die Religiosität verdrängen. Meinen Sie das im Ernst und können Sie annehmen, daß andere dabei ernst bleiben können? Aber kommen wir zur Hauptsache. Sie betrachten das Religiöse im Judentum als „Ballast44, der abgeworfen werden muß, um zu einem aktiven, nicht bloß passiven, philosophischen Jüdischen zu gelangen. „Treue muß getan werden.44 Für Ihre Person haben Sie das bewerkstelligt, indem Sie — austraten. Sie versuchen sich mit Worten über die Tatsache hinwegzusetzen, daß man heute mit dem Austritt aus dem Judentum mehr aufgibt als ein bloßes Glaubensbekenntnis, daß man damit auch die „nationale Sache" verläßt. Denn da das jüdische Volk heute noch keine vollgültige Nation, sondern erst eine werdende ist, muß vorläufig die Religion das einzige Zugehörigkeitsmerkmal für den Juden bleiben. Im übrigen zwingt Sie niemand, unter Konfession nur das Bekenntnis zur jüdischen Religion, nicht zum jüdischen Volk zu verstehen. Und die entgegengesetzte Auffassung mancher Rabbiner und anderer müßte Ihnen nach meinem Dafürhalten ebensowenig maßgeblich sein wie die falsche Benennung einer Rubrik Ihres Geburtsscheins, auf dem Sie statt Religion lieber Nationalität sehen möchten. Von entscheidender Bedeutung ist es nur, ob sich einer in dem Augenblick, da sein Volk in einem Kampf auf Tod und Leben steht und alle Kämpfenden, das sind die nicht Trägen, die nicht Bequemen und nicht Selbstsüchtigen* von der furchtbaren auf ihnen lastenden Verantwortung fast erdrückt werden,- heimlich oder offen aus der Sehlachtlinie stehlen darf, weil ihm die gläubigen Gefühle und frommen Gesänge vieler seiner Mitkämpfer nicht behagen. Die „Treue14, die er auf solche Weise „tut", indem er sie bricht, ist die Treue d«s Fahnenflüchtigen, des Deserteurs, des Verräters, mag er auch hundertmal beteuern, er habe ja gar nicht das jüdische oder das deutsche Volk verlassen, sondern nur in Erfüllung seiner ungläubigen Gewissenspflicht die peinliche Gesellschaft der jüdischen oder der deutschen Gottesgläubigen. Der Soldat, der die Schlacht verließ und erklärt, er habe dies aus reinstem Idealismus getan, weil er den frommen Gesang vor und während des Kampfes und die häufige Berufung auf Gott in den Heeresbefehlen für ein nationales Unglück halte, ist entweder ein Narr oder ein Lügner. Sie sagen: „Nach Palästina kann die große Masse des jüdischen Volkes nie kommen, solang sie ihre Tempel überall in Europa als Residenzen baut.44 Und weiter: „Wenn der Augenblick der zionistischen Gründung je kommt, wird er ohnedies die Klärung erzwingen. Sie könnten dann vor einer erschütternden Enttäuschung stehen, denn Sie haben versäumt, das Volk auf seinen Staat vorzubereiten, Heute haben Sie das Volk, nicht auch den Staat, Sie werden dann nur mehr den Staat haben und die Fahne: und so wenig Volk dahinter, denn es wird sich alles fest an seinen Tempel lehnen und damit begnügen." Ja, sehen Sie denn nicht, daß die Wirklichkeit diesem Theorem geradezu ins Gesicht schlägt; daß der Weg des modernen Juden nicht in den Tempel führt, sondern aus dem Judentum heraus wie der Ihre? Und daß man noch