Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1916)
- Article
- Der Lehrstuhl
- Date
- 1916-05-01
- Page
- 132 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Bemerkungen Jetzt aber, wo die Blütezeit der Wissenschaft des Judentums in Westeuropa vorüber ist, wo die jüdische Jugend in nichtjüdischen Schulen ohne jüdische Elementarbildung erzogen wird, wo die Sprache der jahrtausendealten jüdischen Literatur ebenso wie die Geisteswelt und der Interessenkreis ihrer Schöpfer und Träger dieser Jugend fremd erscheinen muß — wird jetzt die Gewährung eines jüdischen Lehrstuhles an einer Universität viel zu ändern imstande sein? Wird die Erfüllung dieses alten Traums jetzt nicht etwas verspätet kommen? Vielleicht gibt es aber überhaupt kein Zuspät für die Geschichte eines Volkes, bei dem die^Urgründe seines Welkens ebenso geheim* ntsvoll und unauffindbar sind, wie die letzten Ursachen seiner plötzlichen Verjüngung. Eins ist aber sicherlich klar: die äußere Emanzipation allein genügt durchaus nicht, um der Wissenschaft des Judentums Lebenskraft zu verleihen. Ihr muß unbedingt eine innere Emanzipation zur Seite treten. Nicht „aus der Sintflut wird die Wissenschaft des Judentums unvergänglich auftauchen", sondern aus den Reihen der Juden, die sich gegen die Sintflut zu behaupten verstehen. Und nicht „allein die Wissenschaft des Judentums** als Ersatz für alle anderen Bestandteile der jüdischen Geisteswelt, sondern sie im steten Zusammenwirken mit diesen, mit denen sie organisch verwachsen ist. Dem verjüngten Juden, der an die jüdische Zukunft glaubt und dem eine jüdische Gegenwart not tut, wird sich auch die jüdische Vergangenheit von neuem offenbaren. S. Mahnung Im Februarheft 1916 der „Weißen Blätter" veröffentlichen Sie, Herr Theodor Tagger, einen „Brief an einen Juden*4 (Sie nennen nicht seinen Namen), in welchem Sie auf den privaten Vorhalt Ihres Austrittes aus dem Judentum eine öffentliche Rechtfertigung zu geben versuchen. Schon diese Tatsache ist von einigem Interesse. Bei ihrer Erwähnung könnten Sie in dem unsichtbaren Tribunal, das — nennen Sie es Gott, Gewissen, Seele, die Träume — über jede Handlung, jede Unterlassung und jeden Gedanken zu Gericht sitzt, weil jede Handlung und Unterlassung, jeder Gedanke eine Verantwortung und Entscheidung, nicht eine „Mahnung** ist, eine Bewegung des Einverständnisses und Hinweises und bedeutsame Blicke bemerken. Ich bin jedoch nicht Ihr Richter, der es wagen dürfte, aus dem Indizium Ihres öffentlichen Rechtfertigungsversuches auf Ihre Schuld zu schließen. Jeder kann nur sich selbst richten, insofern er nicht nur anderen, sondern auch sich selbst gegenüber genug geistige Freiheit und unerbittliche Schonungslosigkeit besitzt. Der heute vor Sie als Ihr Ankläger tritt und Sie zum Richter über Sie ruft, ist Ihnen ein Unbekannter und will es auch weiter sein. Das Judentum, das Sie durch Ihre Tat und deren Beschönigung mißachtet haben, spricht aus den Worten eines Einzelnen zu Ihnen wie der Staat aus der Rede seines Anwaltes. Warum gerade ich glaube» eine besondere Legitimation zu haben, werden Sie meinen Ausführungen selbst entnehmen können. Seien Sie ein gerechter Richter T Sie begründen Ihren Austritt aus dem Judentum und die Erklärung Ihrer „Konfessionslosigkeit** (ein schönes Wort übrigens j es heißt zu deutsch: Mangel an Bekenntnismut) ungefähr folgendermaßen: Das Judentum habe nurmehr eine Zukunft, „wenn seine religiöse Absicht endgültig getrennt wird von seiner politischen". Entweder ist das Judentum eine Religion — und sonst nichts; wie das Christentum oder der Buddhismus. Oder es ist eine nationale Sache. Die Bejahung: daß es eine nationale Sache sei, bleibt eine immer leerer werdende Gewohnheit, Solang die Verneinung des anderen sie nicht zur Aktivi tät, zur Handlung, aufreizt. Schon diese Verneinung würde erste Handlung sein.** Und als eine „Mahnung** wollen Sie auch Ihren Austritt, den der Empfänger Ihres Briefes „Verrat** nannte, aufgefaßt wissen. Sie wünschen nicht, daß das jüdische Volk nur eine Religionsgemeinschaft sei, die nach Ihrer Ansicht, der auch ich zum Teil «ustimme, damit nur eine .„durchaus passive, philosophische Angelegenheit** ist, sie verlangen „eine Art Trennung von Staat und Kirche*4 und wollen die Religiosität durch da^ „Staatsbewußtsein** (des künftigen jüdischen „Staates") ersetzen. Und Sie meinen, wenn „ein paar vorbildliche Juden'*, wie Ihr Adressat, „aus dem Judentum austraten, würde eine so klare Handlung das Staatsbewußtsein des jüdischen Volkes ungewöhnlich verschärfen, vielleicht überhaupt erst wecken, beunruhigen**. Der Herr, an den Sie Ihren Brief richten» erzählte Ihnen einmal von einem Schriftsteiler, der, durch die ersten russischen Pogrome veranlaßt, zum Judentum, das er früher verlassen hatte, wieder zurückkehrte, und fügt zu diesem Beispiel jetzt hinzu, dieser Schriftsteller habe gefunden, daß „die einfache Treue