Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1916)
- Article
- Der Lehrstuhl
- Date
- 1916-05-01
- Page
- 131 (sequence 2)
- Language
- German
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Bemerkungen tums. Solange diese „vorsintflutlichen*1 Vorräte reichten, wirkte jeder neue Wellenschlag der Flut befruchtend und zeitigte die Frankl und Graetz, Bacher und Schechter. Wo aber dieser Boden dürr wurde, und wo ein neues Geschlecht auf den im Westen vorherrschenden entjudaisierten Grundlagen der Erziehung heranwuchs, verlor die Flut ihre befruchtende Kraft und die Wissenschaft des Judentums wurde zur Verwaisung verurteilt. Die vielversprechende Zunzsche Arche mußte auch naturgemäß den Gefahren der Flut unterliegen und das Schicksal aller anderen Bestandteile der lebendigen jüdischen Kultur brüderlich teilen. Konnte es denn auch anders sein? Wenn sich die gegenwärtige jüdische Betätigung nur auf Abwehr des Antisemitismus, auf Philanthropie und im besten Fall auf Ausübung bestimmter religiöser Vorschriften beschränkt, wenn das jüdische Gestern nur als eine dunkle, spurlos dahingeflossene, tote Schattenwelt empfunden wird, wie kann es da ein tieferes Interesse gebe« für alle jenen reichen und bunten Probleme, die damals das Volk durchrüttelten? Wenn die Quellen des jüdischen Schaffens völlig verschlossen sind und selbst ihr Schlüssel — die hebräische Sprache — keinem der jüdischen Zöglinge der nichtjüdischen Schulen mehr zugänglich ist, woher dann die Möglichkeit, zur Lösung dieses Problems beizutragen, sogar für die, die etwa dafür Interesse hätten? Wird nun die längst ersehnte und jetzt — wie wir aus dem Aufsatz des Professor Staerk*) erfahren — von neuem verlangte Emanzipierung der jüdischen Wissenschaft sie diesen Gefahren entziehen können? Einst konnte wohl eine Emanjsipierung der Wissenschaft des Judentums für ihr Schicksal und vielleicht auch für das Schicksal mancher verwandten und parallel betriebenen Fächer zweifellos von tiefer Bedeutung werden. Die Tatsache, daß die Universitäten bis auf den heutigen Tag judenturnsrein sind, entzog dem berufenen Meister wie auch dem schlichten Diener dieser verbannten Disziplinen die Möglichkeit, ihre Kräfte mit dem erwünschten Erfolg zu entfalten und zwang sie, sich auf die Wirkung des Stubengelehrten zu beschränken. Die Rabbinerseminare, die geistige Führer der Gemeinden auszubilden bezwecken und daher *) „Das Judentum als wissenschaftliches Problem" von W. Staerk. Sonderabdruck a. d. Zeitschrift „Der Neue Merkur", H. Jahrgang, io. Heft, 1916. den religiösen und politischen Tendenzen der Gemeindevorsteher ausgeliefert sein müssen, konnten diese objektiv-wissenschaftliche akademische Heimstätte nicht ersetzen. So geschah es, daß die Wissenschaft der Bibel, diese erste und eigentliche Hauptdisziplin der Wissenschaft des Judentums, die einen dritten Teil der gesamten Geschichte der Juden, dazu noch den wertvollsten, eigenartigsten, grundlegenden umfaßt und den Gipfel des jüdischen nationalen Schaffens zu ihrem Gegenstand hat, fast völlig außerhalb der jüdischen Gelehrtenwelt aufgebaut wurde. Alle diese Forschungen sind in Deutschland den theologischen Fakultäten verhaftet, wo Juden — abgesehen von allen andern inneren Hemmungen — schon rein äußerlich nicht zur Immatrikulation und Promotion zugelassen werden. Die jüdische Wissenschaft mußte daher dieser unvergleichlichen Geistesarbeit unbeteiligt gegenüber stehen, hifilos zuschauend, wie „unser Erbe den Fremden zuteil geworden ist", der Wissenschaft selbst zum Schaden, den Juden zur Schmach. Sogeschah es auch, daß der langen, vielfältigen, inhaltsreichen und tief belehrenden Diaspora-Geschichte eine so spärliche akademische Behandlung zuteil wurde. Nichts störte den modernen Juden in der Verwirklichung seiner Selbstbehauptung inmitten der zersetzenden Einflüsse der Fremde so sehr, wie diese seine Unkenntnis der reichen Diasparaerfahrung. Diese Probleme an und für sich haben aber für die christliche Welt, im Gegensatz zum jüdischen Altertum, das wenigstens von der christlichen Theologie beherbergt wurde, gar kein Interesse. Sollte ein Jude heute genügende Quellenkenntnisse besitzen und sie für eine historische Untersuchung aus dem jüdischen Mittelalter oder der Neuzeit innerhalb der Universität verwerten wollen, so wäre es ihm in Deutschland kaum gegeben, einen bedeutenden Geschichtsprofessor zu finden, der dafür zu gleicher Zeit Interesse und die nötige hebräische Bildung besäße, um wenigstens die Quellen nachprüfen und die Arbeiten vorschriftsmäßig leiten zu können. So kam es auch, daß die Wissenschaft des Judentums, die ursprünglich eine Geschichtswissenschaft par excellence war, sich allmählich bloß auf philologische Studien beschränken mußte, weil zufällig nur die hebräische Sprache, dank ihrer Bedeutung für die semitische Philologie .auch für die nichtjüdischen Semitologen Interesse hat und deshalb sich der Ehre eines akademischen Katheders in einer Fakultät, die mit Konfessionsfragen nicht verknüpft und daher auch den Juden zugänglich ist, erfreute. 9"