Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1916)
- Article
- Probleme des Ostens
- Date
- 1916-05-01
- Page
- 129 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Bemerkungen Oder es wird ein literarisches Werturteil über polnische Dichter gefällt, bei dem Graf Krasinski den Lorbeer vor Slowacki erhält: den Grafen Pinien über Hölderlin zu stellen, wäre ungefähr ein ähnliqhes Vergehen wider den deutschen Geist Oder es wird das Wort Lao-Tses erwähnt: „das Ällerhäiteste wird durch das Allerweichste überwunden", ein Spruch von monumentaler Prägung, dunkel tiefsinnig und weiträumig wie alle Emanation antiken orientalischen Geistes. Man denkt dabei vielleicht an die ewige Neigung von Mann zu Weib... an die UmSpannung der europäischen Welt durch das* Christentum — vor allem fühlt man die heiligende Distanz der Zeiten. Und da fährt der Autor wörtlich fort: „dies aber ist noch nicht die tiefste Weisheit; zu ihr gelangt man ..und fügt dann der Thesis und Antithesis noch die naheliegende Synthese hinzu. Besondere aber voll von solchen bedenklichen und distanzlosen Urteilen ist ein recht rationalistisch und negierend gehaltenes Kapitel mit der hochgreifenden Bezeichnung ,,Wesen des Ostjudfentums", auf das hier eine Antwort gegeben sei. Freilich ist die vom Autor nur nachge&pnochene Verkehrung der kausalen Zusammenhänge zwischen primärer Religiosität und mangelnder Gottesgelahrtheit em altes Merkmal formal-theologischer Denkart So haben die starren Pharisäer jahrhundertelang daß naiv gottsüchende Lendvolk Galiläas als kaum des Judentums würdig angesehen, und „Landvolk1* ist heute noch dem rabbinisch beherrschten Teil des Judentums die stehende Bezeichnung für religiöse Unbildung. So haben auch die offiziellen jüdischen ,Schriftgdehrten im Laufe der langen Exilgeschichte alle Äußerungen selbständiger gottsuchender Innigkeit zu hemmen gesucht, schon aus Furcht vor Spaltungen in der schwer heimgesuchten Nation, deren einzige Kraft in der religiösen Einigung lag. Viele Äußerungen des messianischen Triebes, darunter die wunderbar hohe Bewegung der Essäer, d, h. der „Frommen", wurden von ihnen bereits irn Heiligen Lande unterdrückt, ehe j das Christentum sich aus den nationalen Fesseln in die Welt der Völker binüberrettete. Und ebenso ist es ihnen nach wenigen Jahrzehnten gelungen, die Blüte zu vernichten, die durch die chassidaische, d. h. wiederum „fromme" Bewegung aus der Seele des Volkes vor über einem Jahrhundert hervorbrach: eine Welt von seltsamer religiöser Inbrunst, seltener ethischer Freudigkeit und 129 Reinheit, von der heute meist nur noch welke Früchte geblieben sind in der veräuÖerlichten Gesinnung einer in Polen allerdings volksumfassenden Sekte. Die litauischen Juden sind von dieser Bewegung weit weniger berührt gewesen; sie sehen ebenso wie gleichdenkende polnische Glaubensgenossen vielfach auf die Chassidäer herab als auf Leute, die sich von der wahren Religiosität, nämlich dem hingebenden Studium der kanonischen. Schriften, aus bequemer Ungebildetheit entfernt haben. Die „aufgeklärten'* Elemente aber im Volke wie in der Intelligenz betrachten die scheinbar ganz herabgesunkene chassidäische Art nur mehr mit Spott und Unwillen. Einzig die starke Liebe zum inneren jüdischen Wesejv kann hier die tiefere Wahrheit noch lebendig schauen, kann die bewegenden historischen Kräfte aus dem Schutte der Ausartung hervorzaubern. Der Abgewandte wird nichts als verneinen. — Das erwähnte Kapitel des Buches führf den Verfasser auf Gebiete' hinaus, die mit seinem vielseitig geschulten politischen Scharfsinn nichts mehr zu tun habt>n. Gerade auf den politischen Seiten aber beruht dsr wirkliche vollauf berechtigte Anspruch des Buches, als ernstes Zeichen der Zeit genommen zu werden. H. G. Ein Dankeswort Wir schulden Alfons Paquet, einem weitsehenden und gottfühlenden, kühnen und wurzelhaften Mann, der in drei Schriften*) Zeugnis für uns abgelegt hat, dreifachen Dank. Zum ersten: ihm, der mit Auge und Geist den Orient in seiner Wahrheit erfaßt hat (man lese seine Schilderung j,Li" und seine Dichtung „Limo"), hat sein heller und tiefer BHck das Werden eines neuen, zum Orient heimgekehrten Judentums in Palästina gezeigt, und auch das Innerste daran, das Streben nach einer sieghaften Erneuerung des Am- Haarez, des „Landvolkes", ist ihm nicht verborgen geblieben; was er sah, hat er redlich und beredt ausgesprochen. Zum zweiten: da er mit der Kraft seines Herzens, in der die parakletsgewärtige Gläubigkeit der Ahnengeschlechter fortlebt, erkannt hatte, daß jetzt und hier die Frage ♦) In Palästina, Verlag von Eugen Diederichs, Jena 1915; Der Kaisergedanke, Rütten & Loeßing, Frankfurt a. M. 19x5; Die jüdischen Kolonien in Palästina, Gustav Kiepenheuer, Weimar 29x5. Heft 2.