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Der Jude · 1916-05-01 · Heft 2 (Mai 1916) · p. 128

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 2 (Mai 1916)
Article
Probleme des Ostens
Date
1916-05-01
Page
128 (sequence 2)
Language
German
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128 Bemerkungen sieht der rassischen Regierung zu erklären, die beiden Nationalitäten im Rayon gegeneinander zu hetzen* Die wirtschaftlichen und nationalen Gegensätze m Polen waren ohnehin stark genug geworden; und das im Grunde mystisch-byzantinische schwerfällige Russentum steht von selbst dem „diesseitig vernünftelnden" bewegliehen Judentum in einer unüberbrückbaren Feindschaft gegenüber. Das Russentum lehnt aus seinem Instinkte heraus die westliche Kultur und Zivilisation ab, die Polen sind auf eigener nationaler Grundlage viel stärker mit dieser Zivilisation verknüpft; besonders aber sind die Juden für sie empfänglich, und diesem Umstände sollte bei der Neuregelung der polnischen Fragen 4urch die Zentralmächte Rücksicht geschenkt werden. Die polnischen Juden müssen stärker an die heimatliche Scholle gebunden werden. Während ihnen ein grundfalsches russisches Gesetz bisher direkt verbot, Ackerland zu kaufen, oder auch nur zu pachten, muß ihnen solches Land jetzt gerade erschlossen werden. Die deutsche Judenheit könnte hier die Führung übernehmen und Außerordentliches bewirken; durch die Verminderung des überfüllten Händlertums würde so überdies der polnische Antisemitismus an der Wurzel getroffen werden/. Das Deutschtum kann eine solche Entwicklung nur begrüßen, da es schon durch die dialektdeutsche Muttersprache der Ostjuden starken Einfluß auf sie gewinnen kann. Eine Germanisation aber mit Hilfe des Judentums sollte nicht erst erwogen werden; sie wäre recht aussichtslos, und der innere Zwist mit dem herrschenden Polentum würde sich dadurch für die Juden nur noch mehr verschärfen, ohne daß dem Deutschtum damit gedient wäre. Allerdings erscheint auch eine Polomsation der Juden unmöglich, obwohl sich in ihren oberen Schichten viele polonisiertc Elemente befinden: abgesehen vielleicht von einem Widerstande der Polen selbst sind sich die Ostjuden ebenfalls zu stark ihrer nationalen Eigenart, dieser „Musik ihrer Seele" bewußt. Im neuen Polen wird diese besondere jüdische Nationalitat eine gebührende Berücksichtigung innerhalb des polnischen Gesamtwesens finden müssen. Als Grundlage für eine immer weitergehende Autonomie des Landes, dem sein ausdrücklich polnischer Grundcharakter nicht genommen werden soll, werden für die Landesangehörigen verschiedene nationale Kataster zu schaffen sein: neben den polnischen und deutschen auch jüdische. Das Judentum erhält eine eigene Selbstverwaltung in rein jüdischen Angelegenheiten, soweit sie das polnische Gesamtinteresse nicht berühren, und wird in den allgemeinen Fragen zur um« fassenden Selbstverwaltung des ganzen Landes mit herangezogen. Ohne ihre anerkannte nationale Eigenart zu verlieren, werden die Juden so auch endlich mit dem allgemeinen Schicksal Polens enger verknüpft, sie werden für dieses Schicksal mit verantwortlich und erhalten dadurch sowohl eine Stärkung ihres eigenen Seins wie eine Klärung der Beziehungen zum Polentum, das seinerseits auf solcher Grundlage eine positive Mitarbeit der Juden an der kulturellen Entwicklung des Landes wird verlangen dürfen. Die veraltete elementare Chederschule der Ostjuden muß dabei vor allem umgestaltet werden; ihre Unterrichtssprache kann jiddisch sein, aber .die polnische Landessprache muß obligatorisch gelehrt werden, während sie heute von den meisten heimischen Juden nicht einmal gesprochen wird. — Der Verfasser sucht in dem Werke vor allem den deutschen Standpunkt zu vertreten, wobei er sich aber von jedem „Faustrechtnationalismus" glücklich fernhält. Gerade darum ist er imstande gewesen, die tieferliegenden politischen und wirtschaftlichen Realitäten der polnischen Frage vorurteilslos zu erfassen. Zahlreiche Belege und allgemeine Erörterungen des Buches haben, soweit sie diese wichtigen Realitäten berühren, geradezu zwingenden Wert. Es äußert sich in ihnen jenes wirkliche geschichtliche Erleben, das der gleiche Verfasser in einer anäeren Schrift („Einführung in das politische Denken", Dürerbuad) als eine grundlegende Voraussetzung jeder politischen Forschung ansieht. Um so mehr ist es zu bedauern, daß an verschiedenen Stellen des Buches Äußerungen überpolitischer Art fallen, bei denen ein solches Erleben wesentlich fehlt: es entstehen dann Betrachtungen, die nicht anders als oberflächlich genannt zu werden verdienen. Schon die völkerpsychologischen Begründungen werden vielfach etwas fragwürdig erscheinen, gelegentliche geschichts- und kulturphilosophische Ausführungen aber noch mehr. Da wird z. B. einmal erklärt, das zerfließende Russentum brauche eine starr autoritäre Regierung, dieses äußere Bedürfnis aber schaffe nur ein geringes inneres Band: „aus diesem Gegensatz erklären sich alle Krisen der russischen Geschichte." Unwillkürlich erinnert man sich dabei der leidenschaftlichen Bekenntnisse großer Russen: eines Puschkin, Gogol, Solowjew, Dostojewski], die so ganz ganz anderes empfinden lassen.

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