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Der Jude · 1916-05-01 · Heft 2 (Mai 1916) · p. 127

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 2 (Mai 1916)
Article
Die Insel
Date
1916-05-01
Page
127 (sequence 3)
Language
German
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Bemerkungen 127 Diese konzentrierte Masse ist aber nicht nur imstande, die nationale Energie zu erhalten, die sie mit sich gebracht hat. Sie hat die Fähigkeit zu wachsen und fruchtbar zu werden durch die Nahrung, die sie von dort, vom Zentrum, erhält. Sie hat ein nationales Sammelbecken und bei ihr wird kein Tropfen jenes Lebenssaftes verloren gehen, der vom Herzen der Nation kommen wird; in ihre fette Volkserde wird jedes Körnchen eindringen und dort aufgehen. Es ist nur nötig, daß ihr Boden auch weiter Volksboden, ihr Leben ein Massenleben, ein Gemeinschaftsleben bleibt, daß sie nicht zerstreut wird, nicht zerstiebt wie Mohn, wenn sich der Fruchtbecher öffnet. Es ist nötig, daß sie, wenn sie aufhört, ein Kostgänger der öffentlichen Sorge zu sein, und ein Leben auf eigene Rechnung beginnt, diese Rechnung in Gemeinschaft macht als Rechnung einer sozialen Körperschaft und nicht Einzelner. Zwar liegt nicht alles dabei in unserer Hand. Das umgebende Milieu und der objektive ökonomische Zwang hat viel mitzusprechen, doch können wir in dieser Hinsicht viel erreichen, und deshalb meine ich, daß die Antwort auf die Frage der nationalen Zukunft der jüdischen Siedlung außerhalb des Ansiedlungsrayons sich zum Teil an uns selbst wendet, an die Schaffenskraft unseres nationalen und gesellschaftlichen Willens. S. Niger Probleme des Ostens Der Donner der Zeit bringt den jüdischen Volksmassen die Botschaft kommender Umwälzungen. Wie der gewaltige Kampf auch ausgeht: sicher ist, daß kein Staat der neu gewordenen Geschichte nach dem Kriege wird umhin können, die äußerste Anspannung aller seiner Elemente zum obersten Grundsatz der politischen Gesetzgebung zu machen. Und so werden auch die bisher unterdrückten lebendigen Kräfte des jüdischen Volkstums zu einer politischen und kulturellen Mitarbeit gehoben und herangezogen werden müssen, so schwer ein solches Beginnen den herrschenden Nationalitäten in der ersten Zeit vielleicht auch fallen mag. Viele Erörterungen von russischer und polnischer Seite lassen bereits erkennen, daß wenigstens hie und da in den bestimmenden Kreisen der bisher Mächtigen ein Umlernen in der jüdischen Frage sich Bahn zu brechen anfängt. In weit stärkerem Masse ist es aber für den deutschen staatlich organisatorischen Willen, der hier auf nahezu unbekanntes und überraschende Möglichkeiten bietendes Neuland stieß, notwendig geworden, eine sorgfältige und kühle unparteiische Prüfung der tatsächlichen Verhältnisse vorzunehmen, und von dieser Seite sind auch bisher die objektivsten Schilderungen der schwierigen Zustände im nächsten Osten gegeben werden. Vor uns liegt ein Buch, das* wir in dieser Beziehung als symptomatisch ansehen möchten: „Die polnische Frage" von Dr. A. Grabowsky. Der neokonservativ orientierte Mitherausgeber der wissenschaftlichen „Zeitschrift für Politik" hat persönlich „in lehrreicher militärischer Stellung" und auf Grund zuverlässigen Materials einen ausgezeichneten Einblick in die östlichen Verhältnisse gewinnen können, und ein lebhafter wohlgegliederter Vortrag hebt noch die vielen tatsächlichen Ergebnisse seiner Arbeit. Für uns haben diese Ergebnisse vor allem darum Wert, weil von vornherein der richtige Nachdruck auf den Hauptpunkt gelegt wird: auf die grundverschiedene Stellung der Polen und der Juden. In kurzer Zusammenfassung seien hier die das Judentum berührenden Grundgedanken des Buches angegeben. Das glänzend schwärmerische reine Polentum hat sich durch jahrhundertelange Ergänzung aus dem primitiveren, realer empfindenden Litauertum zu einem Volke gebildet, in welchem Romantik und Realismus merkwürdig vermischt sind. Der realistische Einschlag ist besonders stark im polnischen Mittelstande, der sich erst in letzter Zeit im industrialisierten Lande auszubreiten begann, während früher die Rolle des Mittelstandes nahezu ausschließlich dem Judentum zufiel. Daraus ein unvermeidlicher Kampf, der seit beinah einem Jahrzehnt äußerst heftige Formen angenommen hat. Der Gegensatz wurde noch verschärft durch den Zustrom der aus dem tieferen Rußland vertriebenen Juden nach dem polnischen Ansiedlungsrayon. Diese zugewanderten „Litwaken" haben nicht nur die einheimischen Glaubensgenossen wirtschaftlich vielfach verdrängt, sondern sie mußten besonders gegen den polnischen Mittelstand anprallen, dem sie noch dazu als Russifikatoren verdächtig erschienen. Indes ist es ein oberflächlicher Irrtum, diesem Umstände eine solche agitatorische Bedeutung beizulegen wie dies drüben häufig geschieht; ebenso ist es ein Fehler, die systematische Vertreibung der Juden aus dem eigentlichen Rußland hauptsächlich mit der Ab-

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