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Der Jude · 1916-05-01 · Heft 2 (Mai 1916) · p. 126

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 2 (Mai 1916)
Article
Die Insel
Date
1916-05-01
Page
126 (sequence 2)
Language
German
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126 Bemerkungen den Ranzen schleppen, „den alten großen jüdischen Ranzen" ... Ja, der alte große jüdische Ranzen, er ist es, den wir vor den Augen haben, wenn wir uns die neuen Scharen der alten Wanderer recht ansehen, die sich über die weiten Gefilde Rußlands ergossen haben. Der alte große jüdische Ranzen, das ist der Gemeinschaftsranzen, der nationale Ranzen... Man redet von dem „neuen" Ansiedlungsrayon. Nein, es ist der alte. Es ist, wie wenn an ganzen Städten und Städtchen Litauens und Polens sich das Wunder des „springenden Wegs"*) vollzogen hätte und sie sich plötzlich an die Ufer der Wolga versetzt sahen. Wie in einem Treibhaus, wo eine ganz andere Luft herrscht als draußen, fühlen wir uns, wenn wir an die Orte gehen, wo die Lager der Verjagten und Vertriebenen „ruhen". Eine ganz andere Atmosphäre als die der Umgebung; hier ist die Atmosphäre von dort, die zusammen mit den Päckchen und Bündein, den Tallith- und Tefillinsäckchen hierhergebracht wurde! ... Hier in den Asylen bereitet man „Schalent" am Vorabend des Sabbats, und wenn ihr Freitag abend vorübergeht, schaut euch aus den Fenstern verschämt die stolze Keusche, die Königin Sabbat mit ihren traurigen heiligen Sabbatltchtlein an. Hier wiegt man die Kinderchen mit den Liedern von dort in den Schlaf und hier redet mit man der Sprache von dort... Hier lebt man mit dem, was man mit sich gebracht hat, hier lebt man, als ob rings umher eine Wüste wäre. Hier ist eine Insel... Aber keine Insel im weiten Meere ist es, sondern eine, die sich erst hier vor kurzem von dem großen und ganzen Festland losgerissen und abgetrennt hat. Schon liegt dazwischen ein kaltes und fremdes Meer, klafft ein Abgrund zwischen der Insel und ihrer Mutter, dem Trockenen. Aber noch atmet sie mit ihrer Mutter Atem und noch herrscht über sie das Klima des Festlandes. Schon belecken sie die Wellen des Meeres, das um ihre Ufer ist, aber es wachsen noch die Pflanzen des Festlandes auf ihr ... Wird es noch lange so sein? Wird es noch lange eine Insel sein, die, abgerissen von dem Festland, noch immer das frühere Leben bewahrt, oder wird es, wie jene jüdische •) Ein in der jüdischen, insbesondere der chassidischen Legende häufig erzähltes Wunder, das darin besteht, daß der Weg dem Fahrenden entgegeneilt, so daß dieser im Nu an seinem Ziele anlangt (Anm. d, Red.). Siedlung, die sich schon lange hier befindet, ein Eiland auf hoher See werden, das, obwohl es noch aus der Meeresoberfläche hervorragt, doch immer mehr vom umgebenden Wasser verschlungen wird? Die Antwort auf diese Frage, auf die Frage von Sein oder Nichtsein wendet sich zum Teil an uns selbst. Der neue jüdische Strom, der sich so plötzlich und so ungestüm in die inneren Gouvernements Rußlands gestürzt hat, ist nicht mit den kleinen Rinnsalen zu vergleichen, die bisher langsam und verstohlen aus dem Ansiedlungsrayon in das weite Meer, das „Tief- Rußland" heißt, rieselten. Jene Juden sind vereinzelt in die zentralen Gouvernements gekommen und einzeln haben sie sich dort niedergelassen. Aus den Einzelnen sind Zehnschaften geworden; aber Zehnschaften sind keine Gemeinden: aus dem klebrigen Lehm läßt sich irgendeine ganze Sache kneten, aber Stäubchen haften nicht aneinander, wenn sie auch dicht eines neben dem anderen liegen. Die jüdische „Obschtschina" (Gemeinde) außerhalb des Ansiediungsrayons sieht noch bis heute mehr wie eine mechanische als wie eine organische Verbindung aus, weil bis heute ihr Fundament eine kollektive Befriedigung von Bedürfnissen, aber kein kollektives Bedürfnis, kein kollektives Leben ist. Wenn sie sich hält und stärker wird, so geschieht das, weil sie jener Energiestrom berührt, der sich über den vollen Becher des Gemeinschaftslebens dort, im Ansiedlungsrayon, ergießt. Aber diese geistige Energie, die von dorther strömt, zerrinnt hier, weil für sie kein Gefäß, kein Sammelbecken vorhanden ist, und nur ein kleiner Teil von ihr wird von den trockenen Gebeinen aufgesogen und macht sie ein wenig lebendiger. Ganz anders ist es mit dem Stück organischen Volkslebens, das, noch frisch und gesund, durch die großen Weltstürme hierhergetragen wurde. Das sind keine Stäubchen, keine Einzelnen mehr, von denen jeder in seinem Winkel lebt und die nur zu bestimmten Zwecken einmal alle in einem Winkel zusammenkommen (in der Synagoge — lebend, auf dem Friedhof — tot). Das ist ein Kollektivum, eine Gesamtheit, die in sich selbst Reservoire der Vereinigungsenergie trägt. Das ist ein Stück Volk, und wohin es auch vertrieben werden mag, immer wird der Schutzengel der* Gemeinschaft mit ihm vertrieben, immer geht eine Welle des Volkslebens ihm nach wie Mirjams Brunnen den Juden in der Wüste.

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