Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1916)
- Article
- Interessenten
- Date
- 1916-05-01
- Page
- 124 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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m Bemerkungen dem so selten zu befriedigenden Verlangen nach der bescheidensten Notdurft. Interessieren sich diese Beobachter und Beurteiler dafür, was hinter dem elenden Antlitz des Augenblicks stecken mag? Interessieren de sich dafür, ob nicht gerade der Krieg, die Flucht, das Elend des Hungers und die drükkende Pein der absoluten Hilfslosigkeit vieles ersticken mußte, was sonst Kraft und Verheißung war? Aber alle diese Interessenten sehen ja nicht hinter die Masken* Sie interessieren sich fürs Außere, sie wollen Stoff zu Berichten und, wenn sie Literaten sind, Anregung zu Modebüchern haben, mehr nicht. Von all diesen müssen wir uns endlich scheiden. Wir interessieren uns nicht für das Schicksal der Juden, der Ostjuden, der West juden — welcher Gruppe auch immer —, wir leben in ihm, wir sind es, in denen es lebt. Und wir mochten, daß auch die abseits Stehenden unterscheiden lernen, aus welcher Quelle ihre „Informationen" kommen. Sie sollen lernen, daß nicht wenig darauf ankommt, ob der Informierende sich einfühlt in Schicksalsfragen der Gemeinschaft, über die er urteilt, ob er sich eins weiß mit dieser Gemeinschaft oder — ob er nur ein Interessent ist. Mit diesen Interessenten wollen wir so wenig als möglich zu tun haben. Und möchten sie auch vor der Welt in Verruf bringen. Vielleicht gelingt es dieser Zeitschrift, hierbei mitzutun. Mag ihren Freunden dann der Vorwurf erstehen, daß sie „Interessenten" sind. L. H. Brief an eine Schülerin nach Galizien Ich habe schon mehimals angesetzt, Ihren Brief vom Vormonat, der mich so gefreut hat, zu beantworten. Aber allzu viel Arbeit und Arger haben mich gehindert. Mein Arger kam (und das ist das Schmerzlichste an ihm) leider gerade aus meiner Arbeit. Ich habe nämlich versucht, unter den Prager Mädchen das zu organisieren, was mir unter den galizischen so leicht gefallen ist: ein geistiges Leben in jüdischer Gemeinschaft. Da bin ich aber sehr an die Unrechten gekommen. Unsere Westjüdinnen sind entweder hohl und oberflächlich oder, wenn sie wirklich im Sinne unseres Ideals als echte Jüdinnen arbeiten, geraten sie bald in Nervosität, Gereiztheit, Selbstüberhebung, Verzweiflung, Isolation. Das ist dann die Schuld der andern, der Oberflächlichen, werden Sie sagen; aber leider ist es daneben auch die Schuld der tiefer Veranlagten, die den ernstlichen Kampf nicht aushalten und allzu schnell in ihre Einsamkeit zurückkehren. Es gibt glücklicherweise auch unter uns Ausnahmen von diesen beiden Typen, und mit denen vereint hoffe ich manches Gute durchzusetzen. Das ändert aber nichts an der Feststellung, daß die galizischen Mädchen in ihrer Gesamtheit um so viel frischer und im Geiste wesenhafter, gesünder sind als unsere Mädchen. Ich denke jetzt oft darüber nach, woher das kommen mag. Keulich fiel mir ein: der Vorzug der galizischen Mädchen besteht vielleicht — in ihren Eltern. Ich meine das so: die junge Ostjüdin hat doch immer einen Vater, eine ältere Generation vor sich, welche sich mit den höchsten Dingen des Geistes, mit Gott und dem Sinn des Daseins beschäftigt. Ich weiß, die Art und Weise dieser Beschäftigung ist nicht immer nach dem Geschmack der jungen Fräulein, sie fordert zur Kritik, zur (berechtigten oder manchmal auch unberechtigten) Opposition heraus. Aber gerade das ist ja das Gute. Ich kenne die Qualen, die manche Kinder in einem orthodoxen Hause ausstehen, und ich weiß auch, daß diese Qualen oft ins entgegengesetzte Extrem des Unglaubens jagen. Nach meiner Erfahrung ist aber dieses Extrem lange nicht so häufig, wie man dies aus Romanen und jiddischen Bühnenstücken schließen sollte. Der Normalfall ist vielmehr, daß die Kinder zwar zu einem Protest gegen die allzu starren Formen veranlaßt werden (nicht wahr, so ist es?), daß sie aber, um diesem Protest Gewicht zu geben, nun ihrerseits auch wieder die höchsten Dinge des Geistes auf ihre Art treiben müssen, um überhaupt nur mit dem tiefen heiligen Ernst der Eltern Schritt halten zu können. Ein gallisches Mädchen sieht die Einheiteines frommen Mannes vor sich, eine unablässige Bemühung und Hochgespanntheit, gleichsam eine ewige Festlichkeit des Geistes, der nur ungern und für kurze Zeit in den Alltag hinabsteigt. Regt sich nun in ihr der Widerspruchsgeist, so muß sie sich ein hohes Ziel setzen, muß selbst zu einer geistigen Einheit sich zu entwickeln suchen, sonst ist sie eben im Kampfe der Jungen gegen die Alten unterlegen. — Was aber erlebt die junge Westjüdin im Elternhaus? Der Vater kennt ausdrücklich und in des Wortes furchtbarster Bedeutung keine andere Wichtigkeit als das Geschäft. Daneben etwas gesellschaftliche Streberei, flache Wohltätigkeit und „zur Zerstreuung4' des Abends ein wenig Kunst in Konzertpillenform oder im Theater. Es fällt ihm natürlich nicht im Traume ein, als er-