Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1916)
- Article
- Interessenten
- Date
- 1916-05-01
- Page
- 123 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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BEMERKUNGEN Interessenten Hier ist eine neue Zeitschrift gegründet, für jüdische Dinge und jüdisches Wollen. Die ihr Antlitz bestimmen und ihren Weg bahnen, haben nicht erst seit gestern und vorgestern das Judentum als eine Tatsache und als eine Aufgabe im Bewußtsein und im tätigen Geist; sie mühen sich mit ganzer Hingabe um die jüdischen Fragen, die Frage des jüdischen Lebens, seit sie selbst und weil sie selbst das Erlebnis ihrer jüdischen Persönlichkeit und ihrer jüdischen Gemeinschaft erfahren haben. Die neue Zeitschrift haben sie gegründet, weil es ihnen als unabweisbare Pflicht in der Seele brennt, alle Kraft an die Durchsetzung ihres* jüdischen Seins und Zukunftwillens zu setzen; weil tfie nicht grübelnd und betrachtend beiseite stehen wollen, wo Wendungen, Umwandlungen, Scheidungen vor sich gehen, weil sie sich vor Feind und Freund für ihre Gemeinschaft einsetzen wollen. Weil, um es nochmals zu sagen, ihre Teilnahme am Geschick der Gemeinschaft, der sie verbunden sind, lebendig ist bis in den tiefsten Grund des Lebens. Wäre es nicht ein ruchlos kaltes Wort, von ihnen und ihresgleichen zu sagen, daß sie an der jüdischen Frage „Interesse nehmen"? Aber es kommt einer von außen her, wirft einen erstaunten Blick auf die Judenfrage, die ja von manchen Leuten ernst genommen zu werden scheint trotz aller Ablenkung durch Krieg und Kriegsgeschrei, und erinnert sich zum Glück, daß in seiner Bibliothek ein Ghettodichter verstaubt, der in deutscher Sprache manche schöne Erzählung aus seinem Milieu geschaffen hat Er wußte denn auch schnell Bescheid» als er in den „Juden von Barnow" nachgelesen hatte, und konnte zudem noch mit der Geste des Mannes von Welt und Geschmack erklären, er habe sich seine Wissenschaf t beileibe nicht bei tiefgründigen, langweiligen Untersuchungen geholt, sondern im klaren Born dichterischer Anschauung. Dort sei die Wahrheit zu erfahren, nicht in den dickleibigen Forschungen „interessierter Kreise". Spürt ihr den Hieb? Interessenten... Er war klug berechnet, ganz aus dem Empfindungs- und Gedankenkreis der Tageblattleser heraus. Als wenn es sich um ein Geschäft handelte, zischt die Warnung: Interessenten! Aber wir wollen aussprechen, wo die Trennungslinie zu ziehen ist. Wir sind allerdings „Interessenten41, aber Interessenten von bestimmter und sehr ernster Art. Unser Interesse ist ein Mitleben, Miterleben; wir stehen nicht außerhalb des Kreises, dessen Schicksal den fingerfertigen Publizisten plötzlich — nicht interessiert, sondern zur Besprechung zwingt. Wir sind nicht nur mit unserem Verstand zwischen den Gliedern dieser Gemeinschaft, über die man durch einige Erzählungen von Karl Emil Franzos genügend Bescheid zu wissen glaubt, sondern wir leben in dieser Gemeinschaft mit unserer Sehnsucht und unserem Willen. Nennen Sie uns Interessenten .. .1 Aber auf der anderen Seite der Trennungslinie stehen die anderen Interessenten: die die Judenfrage betasten, beriechen und beschmekken, weil sie das Publikum zu interessieren beginnt. Sie schreiten leichten Herzens über Sein oder Nichtsein, sie fabrizieren in Eile Ghettobücher, in denen sie ohne Verständnis und ohne Prüfung wahllos zusammenflicken, was an Übersetzungen und sentimentalen deutsch-jüdischen Literaturfetzen in ihre Hände fällt. Sie gehen hausieren mit ihren jüdischen Stoffen von Blatt zu Blatt, sie spekulieren auf das „Interesse" und schillern nach Bedarf. Und dann gehören zu ihnen noch die anderen Interessenten, die als Kriegsberichterstatter, ja manchmal sogar als Soldaten im Osten das Bedürfnis fühlen, die Juden, die doch nicht zu übersehen sind, zu betrachten und zu werten* Den Äußerungen dieser Interessenten begegnet man in allen Berichten der Zeitungen, in unzähligen Büchern und Erzählungen. Und was sehen zumeist diese Interessenten? Eine graue Masse angstvoll Geflüchteter und Entwurzelter. Die feineren Differenzierungen, die die lebendige Kultur ahnen lassen, sind verwischt. Sie sehen nur eine stumpfe, dumpfe Masse, regiert von