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Der Jude · 1916-05-01 · Heft 2 (Mai 1916) · p. 122

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 2 (Mai 1916)
Article
Jüdische Volkslieder
Date
1916-05-01
Page
122 (sequence 11)
Language
German
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IRI
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122 Arno Nadel: Jüdische Volkslieder seinem Gotte eilends zur Verfügung. Da setzt Gott seine Rede fort: „Fürchte dich nicht) mein Knecht Jakob —" und in Liebe und Zutraulichkeit antwortet der fromme Kindesknecht: Nein, Vater, nein, usw. (Übrigens der erste, Bismarck vorgefühlte starke Ausdruck für die fromme Furchtlosigkeit eines Volkes, das „Gott allein fürchtet, sonst nichts auf der Welt",) Hier ist endlich der Platz, einiges von den Melodien zu unsern Liedern zu sagen. Die sind, wie Melodie überhaupt, schwer zu beschreiben, doch muß folgendes betont werden: Wenn Volkslieder vor allem Lieder und nicht Gedichte sind, so sind es die jüdischen auf eine noch ganz besondere Art» Die Melodien sind hier schlechthin die Hauptsache. Sie erst verleihen dem Text den Hauch des spezifisch jüdischen Wesens, der Luft, die gleichsam über Räume hinweg, urplötzlich Jahrtausende einschließt, mit allem menschlichen Leid, aller menschlichen Freude eines innerlich wilden, seltsamen, reinen, erhabenen, —• äußerst zusammengesetzten Volkes. Man hat über die Verwandtschaft der jüdischen Volksmelodien mit deutschen, polnischen, ungarischen und anderen Weisen viel gesprochen und geschrieben. Die Vergleichung führt aber in Wahrheit zu nichts. Denn der Rest, der als nur-jüdischer bleibt, ist so bedeutend, daß er für sich den Hauptanteil am Reize, der ihm innewohnt, beanspruchen darf. Berlin Arno Nadel CHASSIDISCHES Die kommende Zeit An einem Sabbat saß Rabbi Israel von Rishin an seinem Tisch und elf seiner Chassidim um ihn. Da sprach er zu ihnen: „Es nahen Tage, da es dem gemeinen Menschen gut ergehen wird an Leib und Seele, aber dem edlen Menschen wird es nicht gut ergehen, nicht am Leib und nicht an der Seele, und er wird nicht einmal einen Psalm zu sprechen vermögen/* Und er beschloß: „Warum sage ich euch dies? Damit es euer Herz nicht verdrieße: es soll so sein, es muß so sein." — Ein andermal sagte er: „In den drei letzten Stunden vor der Erlösung wird es so schwer sein, an der Jüdischkeit festzuhalten wie an einer glatten Eisenwand. Darum heißt es im Gebet: ,Hilf uns in den drei Stunden*. Das sind die letzten Stunden/' Die Wehen Der Rishiner sprach: „Wenn eine Frau schwanger ist und die Wehen ergreifen sie im achten Monat, da die Zeit noch nicht vollbracht ist, dann müht man sich, die Wehen aufhören zu lassen. Nicht so im neunten Monat: wenn sie da über die Frau kommen, will man die Wehen nur noch steigern, damit sie bald gebäre. Daher, wenn die Früheren zum Himmel schrien, daß eine Not von der Erde gehoben werde, wurden sie erhört, denn die Zeit war noch nicht vollbracht Jetzt aber, da die Erlösung nahe ist, fruchtet kein Gebet, das um des Leidens der Welt willen aufsteigt, sondern Leid wird auf Leid gehäuft, auf daß die Geburt in Bälde geschehe." Martin Buber

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