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Der Jude · 1916-05-01 · Heft 2 (Mai 1916) · p. 89

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 2 (Mai 1916)
Article
Die ostjüdische Gemeinde
Date
1916-05-01
Page
89 (sequence 10)
Language
German
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Hillel Zeitiin: Aufgaben der polnischen Juden 8» und aus eigenen Mitteln zu unterhalten. Allerdings werden in diesen Schulen nur sechs Stunden wöchentlich jüdischen Lehrgegenständen gewidmet; man muß jedoch bedenken, daß das Programm der oben erwähnten Kronschulen überhaupt keine jüdischen Lehrgegenstände aufweist. Die jüdischen Lehrer in Polen sind, im Gegensatz zu ihren Kollegen im Reiche, pensionsberechtigt. Die Reste des vom Magistrate verwaltetet! Gemeindeschulfonds werden nur für jüdische Schulangelegenheiten verwendet. Man sieht aus dieser kurzen Darstellung, daß die rechtlichen Verhältnisse der jüdischen Gemeinden in Polen viel günstiger sind als im Reiche. Und trotzdem konnten sich diese Vorteile nicht fühlbar machen in der ökonomischen und kulturellen Entwicklung der polnisch-jüdischen Bevölkerung. Die allgemeine Rechtlosigkeit der Juden und der polnische Antisemitismus sind Hemmschuhe, welche den Entwicklungsgang außerordentlich erschweren. Sind die Juden von den städtischen Selbstverwaltungen ausgeschaltet, so können die judenfeindlichen Magistrate selbst die günstigsten gesetzlichen Bestimmungen zunichte machen. So verhinderten einige Magistrate die Eröffnung jüdischer Schulen aus dem Grunde, daß dadurch die Existenz der katholischen Schulen gefährdet werden könnte, da die Juden sich in diesem Fall nicht mehr an deren Subsidierung beteiligen würden. Auch hier zeigt es sich, daß die jüdischen Gemeindefragen nur im Rahmen einer rechtlichen Staatsordnung in befriedigender Weise gelöst zu werden vermögen. München Laz$r Abramson AUFGABEN DER POLNISCHEN JUDEN Die Juden in Polen haben zweierlei Aufgaben vor sich. Als Teil des ganzen jüdischen Volkes müssen sie, gleich den Juden der ganzen Welt, nach Wiedergeburt, nach einem neuen Morgen in einem Neuland streben. Das jüdische Volk, das fast zweitausend Jahre ein anormales, unsicheres und .ungesundes Leben führt, muß wieder menschlich, gesund, frei und unabhängig zu leben beginnen. Das wird nur dann erreichbar sein, wenn das Zentrum des jüdischen Volkslebens aus dem Golus nach einem eigenen Land verpflanzt wird. Ein Volk, das sich stets auf der Wanderung befindet, hat das Recht, für seine Existenz zu kämpfen, es kann sich aber in seiner Existenz nicht sicher fühlen. Da aber die Juden sich in ihrer Existenz nicht sicher fühlen; da sie sogar für den kommenden Tag fürchten müssen; da sie das Spielzeug aller möglichen Mächte der Welt sind; da sie wie in einer Schleuderpfanne von einem Ende derWelt »um andern geworfen werden; da sie ein ewiges Opfer des Religions¬ und Rassenhasses sind, tyrannischer Willkür der Starken, niedriger Instinkte der Grausamkeit, gemeiner Massentriebe, tiefwurzelnder Vorurteile und Beschränktheiten, schändlicher Schikanen, die mit einem Meer von Blut bezahlt werden; da sie in einigen Ländern der elementarsten Menschenrechte beraubt sind und zu vielen Berufszweigen, in denen sich alle anderen Menschen betätigen, keinen Zutritt haben; da sie zumeist von Luft und Windgeschäften zu leben gezwungen sind und im Kampf ums Dasein ihre letzten Kräfte aufwenden, ohne einen Augenblick Ruhe zu haben;

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