Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Die wirtschaftliche Lage der Juden in Galizien
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 615 (sequence 8)
- Language
- German
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Die wirtschaftliche Lage der Juden in Galizien 6*5 tüchtigen kommerziellen jüdischen Nachwuchses, die Förderung von Handelsvereinigungen (Kooperativen), die zweckmäßige Ausgestaltung der Kreditformen und Kreditorganisationen, die Interessenverknüpfung mit Industrie und Gewerbe des Landes — dies dürften die Aufgaben der Wohlfahrtsorganisation sein. Auch in der Landwirtschaft, in der die Juden Galiziens wohl nur schwach vertreten sind, die aber immerhin ziemlich viele Angestellte (Wirtschaftsbeamte) aufweist, wäre es von besonderem Vorteil, wenn den Juden die Möglichkeit und die Gelegenheit geboten würde, sich in den landwirtschaftlichen Fächschulen entsprechend vorzubilden. Hier könnten ausgiebige Stipendien beitragen, das Interesse der Juden für solche Bildung zu wecken und so die wirtschaftliche und soziale Position der jüdischen Wirtschaftsbamten zu heben. — Diese Leitsätze können, wie schon eingangs hervorgehoben, nicht als programmatische Forderungen angesehen werden. Vielmehr wäre es Sache einer einzuberufenden besonderen Enquete aller an der Erneuerung des Wirtschaftslebens der Juden in Galizien Interesse bekündenden Faktoren, einen ausführlichen Plan für die Entfaltung der wirtschaftlichen Arbeit der Zukunft zu entwerfen und die zweckmäßigen Einrichtungen zu schaffen. Der allen diesen Bestrebungen zugrunde liegende Gedanke der Zusammenfassung der Kräfte, der Steigerung der Energie und das ihnen vorschwebende Ziel der Verbreitung entsprechender fachlicher Bildung, der Kenntnis technischer Fortschritte, der Zuführung zu praktischer gewerblicher und industrieller Betätigung dürften der sonst unvermeidlichen weiteren wirtschaftlichen Zersplitterung, Pauperisierung und Dissoziation zu steuern vermögen. Es soll nicht verkannt werden, daß alle genannten Aktionen mit bedeutenden äußeren und inneren Schwierigkeiten zu kämpfen haben werden. Es ist daher nicht ausgeschlossen, daß die Bestrebungen der Wohlfahrtsorganisationen nicht so bald den gewünschten Erfolg haben werden und daß die wirtschaftliche Lage die Juden zur Auswanderung zwingen könnte. In diesem Falle würde es aber immerhin besser sein, daß fachlich geschulte, in praktischen Berufen gebildete Kräfte auswandern, welche leichter fortkommen können, als Berufslose, „Lohnarbeiter wechselnder Artu oder selbst intelligente Proletarier. Mit der Zeit würden aber jene Bestrebungen, planmäßig und konsequent verfolgt, sich endlich durchsetzen und den Umbau des wirtschaftlichen Lebens der Juden Galiziens und die Hebung ihres materiellen Wohlstandes erleichtern. Daß dies in der Folge nicht ohne Einfluß auch auf die geistige Verfassung der Juden bliebe, braucht nicht erst bewiesen zu werden. Wirtschaftlich genesen und gestärkt, könnten die Juden Galiziens sich geistig sammeln und nicht nur an dem allgemeinen kulturellen Fortschritt teilnehmen, sondern auch, unbeschadet ihrer aufrichtigen, loyalen staatsbürgerlichen Gesinnung und Betätigung dem Lande und Gemeinwesen gegenüber, freilich auch, was als notwendige Voraussetzung wohl erwartet werden darf, im Genüsse der von diesem Gemeinwesen vertrauensvoll und vorurteilslos zugestandenen Freiheit, den ideellen Aufgaben des Judentums nachgehen, den kulturellen Zusammenhang mit der Vergangenheit und Zukunft des jüdischen Volkes, sowie rnit den Brüdern in anderen Ländern und namentlich mit dem angestrebten und zu erhoffenden nationalen Zentrum in Palästina sorgsam pflegen und an der Verjüngung des Judentums mitwirken. Lemberg Abraham Korkis