Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Die Religion der weißen Wäsche
- Date
- 1922-01-01
- Page
- 574 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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574 Bemerkungen ist, es ablehnen, daß das, was er mit einem positivistischen Ernst, der keiner transzendenten Beziehungen bedarf, vollführt, durch einen Vergleich mit einem Symbol entwertet wird. Wir haben in der Tat keine Beweise dafür, daß die Reinigungs-, die Speisegesetze oder gar die Beschneidung (wie man auch wollte) des mosaischen Rituals hygienisch gemeint seien; denn dies ist in der Bibel nirgends ge- * gesagt. Aber die ursprüngliche Bedeutung ist überdies für unsere Frage nebensächlich und wir brauchen keine Religionsgeschichte zu treiben, denn es ist evident, daß diese Gebote von denen, die sie üben, sicherlich nicht so aufgefaßt werden. Sie sind Gebote Gottes und werden um Seinetwillen geübt. Die Frage nach dem Grund, der sie bestimmte, wird sogar als schädlich abgelehnt! Denn wären sie auch durchaus zwecklos, so sind sie doch voll einer hohen Bedeutung: der Bindung des Alltags an das Göttliche. Es war ein kühner Realismus, der Gott nicht irgendeine abgelegene Domäne des Lebens einräumte, sondern ihn zum Zeugen jeder seiner Notwendigkeiten machte. Bilder wurden vergegenständlicht, Hyperbeln wurden wahr gemacht, Symbole konkretisiert: nun gibt es kein Entrinnen. Wenn der Jude in seinem Hause sitzt und wenn erauf dem Wege geht, wenn er sich legt und wenn er aufsteht: jede seiner Handlungen ist mit einem MementoDei verknüpft, und dies verpflichtet. Das ist seine Weihe und das ist seine Reinigung. Darüber hat er allerdings den leidigen Leib vergessen und so macht er schlechte Figur gegenüber einer Weltanschauung, der der Seifenverbrauch Gradmesser der Kultur ist und die den Ausdruck ihrer landläufigen Ansichten einmal imSimplizissimus so fand: ,,Ein frisch gewaschener Sünder ist mir lieber als zehn Gerechte mit Schweißfüßen." Doch diese Religion der weißen Wäsche trägt ihren Widerspruch in sich. Ihr Kriterium des' Seifenverbrauchs leidet an dem methodologischen Fehler, daß er nur bei gleicher Verschmutzung Maßstab der Reinlichkeit sein kann (wollte man mit diesem beliebten Apercu Ernst machen und es tatsächlich als Leitsatz für eine Statistik verwenden, so müßte man natürlich den Quotient aus Seifenverbrauch durch Menge der dissipierten Schmutzstoffe als Maß betrachten) — und welche Seifenmenge reichte hin, um diesen Himmel rein zu waschen, den ein Wald von Schloten unaufhörlich mit Ruß bespeit?! Die Schlote jener Essen, an denen diese Kultur von Feuer, Dreck und Blut geschmiedet wird! Denn man übersehe nicht, daß Essen a. d. R. die notwendige Voraussetzung für Düsseldorf ist. Und wenn die Alternative des frischgewaschenen Sünders und des schmierigen Gerechten immerhin diskutabel war, was hat jener vor diesem voraus, wenn er nunmehr zur Verteidigung seiner „Bäder und Rennbahnen"*) Läuse bekommen hat und sich im Staub und Schlamm der Schützengräben wälzt?! Mag er immerhin seine Rennbahnen in die Luft verlegen und mit den Skalpen seiner abgeschossenen Gegner prahlen, er wird dem „verarmten, gelben" polnischen Juden nicht imponieren. Denn dieser weiß, daß jene Römer, welche „das alte Vorurteil, daß die Juden ein unreines Volk seien", aufgebracht haben, verschwunden sind mitsamt ihren Bädern und Rennbahnen, und daß bis zum heutigen Tage besteht: er und sein Gesetz, das Gott ihm gebot. Und wir wollen hoffen, daß er sich nicht beirren lassen wird in seinem Wege und nicht sich blenden lassen von dem Glänze einer Kultur, die im Toben der von ihr entfesselten Elemente den Menschen vom Feuer verbrannt, vom Wasser verschlungen, von der Luft zerrissen und von der Erde erstickt werden läßt, aber nie die Reinlichkeit vergißt, die es verbietet, daß er an Sepsis stirbt, solange er noch mit einem heilen Gliede für sie Zeugnis ablegen kann. M arkus Reiner Jüdische Produktivität Die Frage nach der jüdischen Produktivität wurde schon unzählige Male für Zwecke der Tendenz oder gar der Apologetik aufgeworfen. Vorurteilsfreie Betrachter des jüdischen Schaffens sind wohl sehr selten. Selbst die Ehrlichsten unter Juden und Nichtjuden verraten ihre Voreingenommenheit durch krampfhafte „Objektivierungssucht". Um aber das jüdische Schaffen objektiv zu be- *) Die Römer vermißten (nach Eulenberg) in Judäa „ihre vornehmen, reich ausgestatteten Bäder, auf die man, wie auf die Rennbahnen, in der Kaiserzeit besonders stolz war und nannten darum die verarmten gelben Einwohner von Palästina schmutzig". So ist es heute noch. Denn was sonst ist unter dem Schlachtruf der ungehinderten wirtschaftlichen Entwicklung, mit dem man sich gegenseitig die Wirtschaft ruiniert, zu verstehen, als die Möglichkeit der Verwirklichung des Ideals der weißen Hemdkragen und luxuriösen Kintopps für alle?