Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Die Religion der weißen Wäsche
- Date
- 1922-01-01
- Page
- 573 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Bemerkungen 573 Die Religion der weißen Wäsche Vor einiger Zeit hat ein deutscher Dichter die Juden gegen das schon von den Römern aufgebrachte „alte Vorurteil, daß sie ein unreines Volk seien" in Schutz genommen. Dies verpflichtet uns ihm zu Dank, denn wir sind in dieser Hinsicht nicht verwöhnt. Was er aber sonst dabei äußerte, erregt Widerspruch und bedarf einer Aufklärung. Wenn er meinte: „Natürlich gibt es auch unter den Juden, wie unter allen Massen, manche Schmutzfmke", so hat er unsere Zustimmung. Und: „Kein Zionist wird es bestreiten". Sicherlich nicht. Jedoch schon: „Es gibt sogar bei diesem Volksstamm, der die reichsten, aber auch die ärmsten, allerärmsten zu den seinigen zählt, vielleicht besonders auffallende Dreckpeter." Dies a priori zu beurteilen, müssen wir uns als inkompetent erklären und das Problem einer Kulturstatistik überlassen. Und erst: „Aber im allgemeinen ist dem Juden die Sauberkeit nicht weniger vertraut, als den anderen Völkern, in deren Mitte er sein Leben führt." Nicht doch. Hier wissen wir eindeutig Bescheid. Wie die Verhältnisse im besonderen in Düsseldorf Hegen, wird gewiß Herbert Eulenberg am besten beurteilen können und wir wollen sogar die Frage offen lassen, wie es bei den Bewohnern des Kurfürstendamms und des Schottenrings aussieht*) — aber im allgemeinen ist dem Juden die Sauberkeit nicht nur nicht weniger, nein mehr, unzweifelhaft mehr vertraut, „als den anderen Völkern, in deren Mitte er sein Leben führt", das ist in der überwiegenden Mehrheit den slawischen Völkern des Ostens. Jedoch wahr ist es und mit oder gegen Eulenberg gesagt: das jüdische Volk ist, zieht man Vergleicheiauch außerhalb seiner Umwelt heran, nicht der reinlichsten eines. Auch wenn ich mir nicht etwa die Königsallee in Düsseldorf und den Herziplatz in Czernowitz vergegenwärtige, muß ich sagen: das jüdische Volk ist eines von den schmutzigeren. Aber mit solchen Vorbildern zog der Europäer in die polnischen und galizischen Städte ein! Wie mußte da der Vergleich ausfallen! War dann der Beobachter von einigem Wohlwollen erfülltund wollte er entschuldigen und war er auch unterrichtet, so zog er das Alte Testament und Reminiszenzen aus der Religionsstunde heran und erinnerte sich, daß den Juden durch ihr Gesetz „tägliche *) Von diesen sagt er: „geradezu übertriebene Reinlichkeitsliebe des assimilierten westlichen Juden." Waschungen vorgeschrieben sind, von denen die Römer natürlich kaum eine Ahnung hatten" und „daß die jüdischen Frauen sich so und so oft mal im Jahre baden müssen"und daß „au c h d e n Männern ganz bestimmte Bäder schon bei Moses vorgeschrieben sind, über die sich dann der Talmud noch in seiner bekannten umständlichen Weise ausgebreitet hat". Vergebens! Mit solchen Betrachtungen, die zu den Römern zurückgehen, kommt man vielleicht an Mumien, nicht aber an das Leben heran — und die Ostjuden leben*)! Man mißtraue nicht seinen unbefangenen Wahrnehmungen, die hier ganz deutlich sprechen. Was hilft da Altes Testament und Talmud! Denn was die Waschungen anbelangt, so ist nicht zu leugnen, daß Lister weit über Moses hinausgegangen ist, und über eine zweckentsprechende Einrichtung der Bäder breitet sich das „Handbuch der Architektur" noch viel ausführlicher aus als der Talmud. Man könnte vielleicht auch an die Essäer erinnern, von denen Josephus erzählt: „Um ihre Notdurft zu verrichten, höhlen sie mit einer Hacke eine Grube aus, verhüllen dieselbe mit einem Mantel, um den Lic htglanz Gottes nicht zu beleidigen, entleeren sich darein und verscharren dann mit der ausgegrabenen Erde das Loch wieder zu", eine für ihre Zeit vielleicht beispiellose Errungenschaft**) — aber was ist das gegen ein W.C.! Sind somit diese vermeintlichen hygienischen Einrichtungen alssolche durchaus rückständig, so kommt hinzu, daß die religiösen Waschungen der Juden, so wie sie im Bewußtsein dieser heutigen Juden leben, mit Hygiene so viel zu tun haben, wie etwa die Taufe des Christen, die von jenen in direkter Linie herstammt. Wollte man diese als hygienische Maßnahme betrachten, so müßte entgegengehalten werden, daß sie als solche nur zu oberflächlich durchgeführt würde. Und dasselbe gilt für die Reinigungen der Juden. Es ist nicht nur ein wesentlicher Unterschied zwischen der seelischen Haltung, mit der der gläubige Jude zum Segensspruch seine Finger netzt,und jener, mit der der geplagte Europäer nach Bureauschluß mit allerlei Desinfektionsmitteln seine Hände reibt — es ist auch ein Unterschied in der Methode: der letztere tut es gründlicher. Und er wird, wenn sein Urteil durch keine Erinnerungen an Religionsstunden und keine Kenntnis des Alten Testaments getrübt *) Um diese handelt es sich, wenn vom jüdischen Volk als einer sozial-kulturellen Einheit die Rede ist. **) In Durchführung des Gebotes 5. Mos. 23.