Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Ein Weg zur jüdischen Gemeinschaft
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 544 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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544 Samuel Krauss: wecken, welche die neue Gestaltung unserer Gemeinschaft fördern kann. Nur so können wir den Glauben an die Möglichkeit und Zukunftskraft einer Gemeinschaft bei uns selbst stärken, die, ohne sich auf Gewalt stützen zu können, ganz auf den Ansprüchen der Gerechtigkeit und des Geistes beruht. Arnau i. B. Oskar Epstein LUTHER UND DIE JUDEN Zu mächtig war der Mann, zu sehr hat er das Rad der Geschichte zum Rollen gebracht, als daß wir Juden, die wir wie eine feine Metallmembrane jede Schwingung in der Luft zuerst an unserem Leibe verspüren, nicht sollten davon berührt worden sein. Auch jetzt, wo ganz Deutschland die vierhundertste Jahreswende des Auftretens des großen Reformators festlich begeht, da Werke, Schriften und Reden in endloser Reihe sich mit Luther beschäftigen, wird auch mehrfach unser gedacht, und mit Recht, denn uns war es beschieden, auch in dieser neuen Religionsgestaltung eine Hauptrolle zu spielen. Martin Luther erinnert in zweifacher Beziehung an etwas, was auch Mohammed widerfahren ist: die krampfhaft fortgesetzten Bemühungen, die Juden zum neuen Glauben zu bekehren, schlagen in ihr Gegenteil um und müssen der bittersten Enttäuschung Platz machen, und die feste Wahnvorstellung, die Juden trachteten dem neuen Propheten und Apostel nach dem Leben, erweckt in beiden den bittersten Haß. Aber der angebliche jüdische Anschlag ist bei Luther, der doch um fast tausend Jahre später und im vollen Lichte der Geschichte lebte, ganz und gar unerwiesen. Unter dem 18. Januar 1525 schreibt Luther an Amsdorf: „Es ist hier ein fremder Jude, aus Polen geschickt, um den Preis von 1000 Goldgulden mich zu vergiften, mir von Freunden durch einen Brief verraten. Er ist Doktor der Medizin, alles zu wagen und zu tun bereit, von unglaublicher Schlauheit und Beweglichkeit, den ich in dieser Stunde zu ergreifen befohlen habe; was noch geschehen wird, weiß ich nicht/4 Aber es ist, wenigstens von Seiten der Juden, nichts Böses geschehen. Späterhin schreibt er darüber am 11. Februar 1525, die gefangenen Juden, die ihm Gift mischen wollten, würden vielleicht ihre Auftraggeber verraten haben (eine unverständliche Sprache 1); da sie sich nicht freiwillig dazu bequemten, habe er sie nicht foltern lassen wollen, sondern ihre Freilassung angeordnet (ein sicheres Zeichen, daß sie nichts gegen ihn vorhatten). Es fällt auf, daß auf einmal von mehreren Attentätern die Rede ist. Man munkelte allerlei; darunter, daß etliche Bischöfe, außerhalb Deutschlands, einen Juden Michel aus Posen, zu seiner Vergiftung gedungen hätten, aber die hochnotpeinliche Untersuchung führte nur dazu, daß man auch diesen Juden freiließ. Doch selbst nach sieben oder acht Jahren zittert noch Luther, als beim Schachspiel plötzlich ein Jude zu ihm eingelassen wird, und da er so von ihnen dachte, läßt sich denken, daß er Zeit seines Lebens wenig persönlichen Verkehr mit Juden hatte. Seine Biographen und die Spezialforschungen stellen die wenigen Fälle zusammen, in denen er mit Juden in Berührung getreten sein mag; daß sie diese Fälle zusammenstellen können, beweist, daß sie an den Fingern zu zählen sind.