Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Die Juden in der galizischen Landwirtschaft
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 500 (sequence 3)
- Language
- German
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Soo Daten und Materialien sprechenden österreichischen Relation zurückbleibt. Kompensiert wird dieser Mangel durch diebereits erwähnte Selbständigenhypertrophie und durch die mithelfende Familienarbeit; was letzteres freilich einen arbeitspositiven Faktor darstellt. Soweit die Schattenseiten. — Doch unsere soziale Gliederung hat auch Lichtseiten aufzuweisen, wie sie in keinem anderen jüdischen Erwerbszweige erreicht v/erden. So sind unsere sozialen Schichtgrenzen nicht so weit entfernt von den entsprechenden nichtjüdischen*) und zeigen verhältnismäßig keine so weitläufige Abweichungen voneinander, wie in anderen Berufsklassen. Eine Ausnahme bildet nur unsere Angestelltengruppe. Im allgemeinen kann man also sagen, daß unsere Landwirtschaft einen nicht ganz ungesunden und ziemlich soliden sozialen Unterbau besitzt. Das beweisen auch die Verhältnisse in Galizien. Hier gab es auf je 100 Berufstätige folgende soziale Relationen: Soziale Schichten Juden 1 Gesamt-! bevölkerung*) Selbständige .... 3I.I : 28.6 3-i 0.2 7.2 I ö-1 Taglöhner..... 14-5; 9.2 Mithelfende Fam.- 44.1 55-9 100.0 1 j 100.0 Diese Tabelle zeigt, daß wir in Galizien nicht nur an Selbständigen, sondern auch an jüdischen Arbeitern und Taglöhnern den Nichtjuden verhältnismäßig überlegen sind, wobei unsere Relation dieser beiden Schichten zusammengenommen um 7% höher ist, als die der Gesamtbevölkerung. Und wenn wir auch keineswegs verkennen wollen, daß die Zustände in der galizischen Landwirtschaft zu trostlos sind, um sie als Exempel hinstellen zu können, so ist doch die Tatsache, daß wir in Galizien einen so hohen Prozentsatz in der *) Vergleiche sind hier natürlich nur mit Vorsicht anzustellen, da es sich einerseits bei der allgemeinen Bevölkerung um Riesenzahlen, bei den Juden aber um eine verhältnismäßig geringe Ziffer handelt; doch wird immerhin dadurch das Bild prägnanter. **) Nach den neuesten Ergebnissen zählt Galizien 31.33% Selbständige; 0.19% Angestellte; 6.58%Arbeiter; 5.16%Taglöhner und 5<S.74% Mithelfende in der Landwirtschaft. Arbeiterklasse einnehmen, doch wohl der schlagendste Beweis unserer physischen Handarbeit an der Scholle. Bevor wir mit der sozialen Differenzierung schließen, wollen wir noch die jüdische Frauenarbeit skizzieren. In ganz Österreich sind 22721 jüdische Frauen in der Landwirtschaft berufstätig, was im Verhältnis zur Männerarbeit 42% ausmacht. Das ist ein ziemlich hoher Prozentsatz, doch bleibt er hinter dem im Staate üblichen zurück, denn der letztere beträgt ungefähr die Hälfte aller Berufstätigen in der Landwirtschaft. Die Frauenarbeit besteht hauptsächlich in der Familienmithilfe — diese Gruppe zählt bei uns 17908 Frauen; dann finden wir unsere Frauen mit 2812 Personen vertreten in der Selbständigenklasse; aber auch die Arbeitergruppe weist 1086 Frauen auf, und selbst als Taglöhnerinnen arbeiten 790*) Jüdinnen. Von all diesen ziemlich erfreulichen Tatsachen sticht aber eine erschreckend ab. Die Entwicklungstendenz unserer Landwirtschaft zeigt gefahrdrohende Symptome. Einige Zahlen mögen das Gesagte erläutern. Im Jahre 1900 betrug unsere landwirtschaftliche Bevölkerung in Öterreich 139 810 Seelen. Ein Jahrzehnt später weiß die Statistik einen Verlust von 29029 jüdisch landwirtschaftlicher Bevölkerung zu melden. Dieser Fehlbetrag ist auch in unserer Relation fühlbar. Im Jahre 1900 stellten wir ein volles Prozent des landwirtschaftlichen Kontingentes dar; zehn Jahre später ist dieses Kontingent um 0.2% in der Prozentnorm gesunken. Freilich ist diese Verminderungstendenz — in engeren Grenzen gehalten — eine normale Erscheinung, die mit dem Steigen der Kultur und fortschreitender Industrialisierung immer mehr hervortritt, doch bei uns ist diese Erscheinung abnorm. Denn unsere Landwirtschaft hat noch lange ihren Sättigungskoeffizienten nicht erreicht, und doch ist das Verminderungstempo bei uns ein viel rascheres. So hat im ganzen Staate die landwirtschaftliche Bevölkerung um 0.97% zugenommen, eine Zunahme, die weit hinter dem Vermehrungskoeffizienten der Bevölkerung zurückbleibt und somit immerhin einen relativen Verlust darstellt; doch eine absolute Verminderung liegt hier nicht vor. Wir dagegen haben eine absolute Verminderungstendenz zu ver- *) Allerdings ist dabei in Betracht zu ziehen, daß in Österreich über die Hälfte der landwirtschaftlichen Taglöhner weiblichen Geschlechtes ist; dasselbe auch in Galizien.