Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Die Arbeitergenossenschaften in Palästina [Rezension]
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 495 (sequence 2)
- Language
- German
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Zeitschriftenschau 495 suche erfordern. Wenn von einer „sogenannten" Arbeiterfrage gesprochen wird, so geschieht dies deshalb, weil das Kernproblem nicht, wie vielfach geglaubt wird, darin besteht, wie die nichtjüdische Landarbeit durch die jüdische zu ersetzen wäre, sondern die zu lösende Frage ist die, wie die besitzlosen ostjüdischen Proletarier zu einer selbständigen Existenz in der Landwirtschaft Palästinas zu bringen sind. Hat man dieses Ziel im Auge, dann ist es klar, daß die Periode ländlicher jüdischer Lohnarbeit nur ein Durchgangsstadium beim Aufstieg der Proletarier zur Selbständigkeit sein darf, nicht aber das endgiltige Ziel, wie dies auch im vorliegenden Heft besonders von S. Kaplansky betont wird. Als aussichtsreichstes Mittel zur Erreichung des angestrebten Zieles sieht der größte Teil der jüdischen Arbeiterschaft die „Arbeitergenossenschaft" an. Verschiedene Momente haben dazu beigetragen, die Genossenschaftsidee in weiten Kreisen populär zu machen. Die hauptsächlichsten davon sind: i. Das Versagen j edes anderen Prinzips. Ursprünglich dachte man daran, daß die nach Palästina strömenden jüdischen Proletarier während einiger Jahre in geeigneten nationalen Lehrfarmen ausgebildet werden und in dieser Zeit durch „Gewinnbeteiligungen*4 Ersparnisse machen sollten, die ihnen die Gründung einer bescheidenen selbständigen Existenz ermöglichen könnten. Dieser Weg erwies sich als ungangbar. Ein zweiter ist es gewesen, diejenigen jüdischen Arbeiter, die schon jahrelange Erfahrung und bescheidene Mittel besaßen, durch starke Unterstützungen zu sog. Häuslern zu machen. Diese Methode ist aber nur bei einen geringem Kreis von Personen anwendbar, und gegen die Existenz als „Häusler", der ja den Hauptteil seines Verdienstes doch immer in der — übrigens unsicheren — Lohnarbeit in einer Kolonie suchen muß, an die er zeitlebens gefesselt ist, lehnt sich das Selbstbewußtsein des Arbeiters auf. 2. war es die Agitation, die Prof. Franz Oppenheimer auf Grund seiner bekannten Theorien entfacht hat, die mächtig auf die Arbeiterschaft eingewirkt hat. Daran konnte auch nichts ändern, daß die Oppenheimersche Siedlungsgenossenschaft „Merchawj a14 bisher nicht rentierte, da diese sich noch im sog. Okkupationsstadium befindet. 3. sind es die Erfolge, welche Arbeits- und Pachtgenossenschaften in Italien und Rumänien erzielt haben, die den jüdischen Arbeitern als Beweis für die Aussichten dieser Betriebsformen gelten. 4. und wohl hauptsächlich sind die spontan aus den praktischen Bedürfnissen in Palästina entstandenen Okkupations- und Betriebsgenossenschaften so erfolgreich gewesen, daß die Arbeiter an der Richtigkeit des Systems nicht mehr zweifeln. Sicherlich hat auch die besondere Mentalität des jüdischen Arbeiters aus dem Osten, in der die sozialen Überlieferungen des Judentums und die sozialen Bestrebungen des Zionismus noch verstärkt werden durch die Idee des modernen Sozialismus und des russischen Kommunismus, den günstigen Boden für die Aufnahme der Genossenschaftsidee dargeboten. Dies muß stark betont werden, denn letzten Endes hängt ein gut Teil des Erfolges oder Mißerfolges dieses Systems von der psychischen Einstellung der Genossen ab. Dies übersehen alle jene Gegner der Idee der ländlichen Produktiv-Genossenschaften, die mit rein wirtschaftlichen Gründen und Anführung historischer Tatsachen arbeiten. Dagegen finden wir bei Agr. J. Wilkansky, dem einzigen, der in der vorliegenden Broschüre seine Stimme gegen die Genossenschaften erhebt, nebst wirtschaftlichen Argumenten auch einige sehr starke psychologische angeführt. Seine Einwände betreffen alle die Konstruktion der Oppenheimerschen Siedlungsgenossenschaft, 'insbesondere den darin enthaltenen Gedanken der Überlegenheit des Großbetriebs. Nach ihm brauchte man im Administrationsstadium einen Verwalter, der übermenschliche Fähigkeiten besäße, da in Palästina keine wirtschaftichen und sozialen Überlieferungen bestehen, und auf allen Gebieten Neues geschaffen werden muß. Der Großbetrieb ist eine Art Mechanismus, in dem niemand volle Befriedigung findet. Kein Genosse kann bei irgend einem Stück Boden sagen, daß mit ihm ein Teil seines Ichs verwachsen sei, der Leiter wiederum leidet an der Schwierigkeit der Aufgabe und dem Verhältnis zu den Genossen, die er zur Reife „erziehen" soll, damit sie ihn überflüssig machen. Die Genossen hinderten einander gegenseitig, die Eigenart des Einzelnen kommt nicht zur Geltung, die Genossenschaft verschlingt sie usw. Gegen Wilkanskys Einwände polemisiert Franz Oppenheim er, der betont, daß er in seinen Vorschlägen dahin abzielt, daß letzten Endes nur ein Teil des Gutes im Großbetrieb bewirtschaftet werden soll, indes jeder einzelne Genosse sein eigenes Land haben soll. Über diese Frage, sowie über viele andere spricht sich Agr. Oettinger in seinem Beitrag sehr klar und