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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 7 · p. 457

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 7
Article
Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
Date
1920-01-01
Page
457 (sequence 1)
Language
German
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IRI
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Samuel Rappaport: Aus dem religiösen Leben der Ostjuden 4S7 AUS DEM RELIGIÖSEN LEBEN DER OSTJUDEN 2. Erziehung und Studium Aus dem Triebe der national-religiösen Selbsterhaltung ist es erklärlich, daß der traditionstreue Ostjude seine Kinder von der öffentlichen Schule, die seinem religiösen Bedürfnis keine Rechnung trägt, so viel wie möglich fernhält und sie am liebsten nach dem, für die heutigen Verhältnisse weder hygienisch noch pädagogisch zulänglichen „Cheder" schickt. In den Cheder! Man mag an ihm von verschiedenen und insbesondere vom sozialen Gesichtspunkte aus viel auszusetzen haben, doch können wir nicht ohne ein Gefühl tiefer Dankbarkeit seiner gedenken. Der Cheder war und ist noch bis heute, trotz seiner veralteten Form, ein erhaltendes Moment und ein Verjüngung spendender Quell des jüdischen kulturellen und religiösen Seins. In Anpassung an die Postulate der neuen Zeit wird die erst zu schaffende neue jüdische Schule, die neben den profanen Lehrgegenständen zugleich auch den jüdisch-religiösen Geist in der Erziehung und jüdisches Wissen in ihrem Lehrprogramm berücksichtigen wird, der alte Cheder in neuer Gestalt, die Erziehung der kommenden jüdischen Generationen übernehmen müssen*). Diese Idealschule ist leider bis heute nicht gefunden und bleibt ein brennendes Desiderium für die nächste Zukunft. Der Cheder war das Instrument, das uns nicht nur in unserer frühesten Jugend schon mit dem Wissen und mit den geistigen Mitteln für den großen Kampf um den Glauben und unsere idealen Güter gerüstet und gewappnet hat, er hat auch ausnahmslos alle Schichten der jüdischen Bevölkerung in stetem Kontakt mit der jüdischen Kultur erhalten und sie vor geistiger und sittlicher Versumpfung behütet. Während man unter den Nichtjuden im slawischen Osten noch heute etwa 7o°/0 Analphabeten zählt, hat es im jüdischen Ghetto niemals auch nur einen einzigen Juden gegeben, der nicht wenigstens „Dawnen" (im Gebetbuche lesen) oder eine „Parscheh-chumesch" (den betreffenden Wochenabschnitt im Pentateuch) verstanden hätte. Dem Cheder ist es zu verdanken, daß die ganze jüdische Wissencshaft wie das hebräische Sprachgut im Ostjudentum als innere Triebfeder und lebendige Kraft in seinem religiös-völkischen Sein sich nicht nur erhalten, sondern auch bis heute immer tiefere Wurzeln schlagen und sich kraftvoll fortentwickeln konnte. Die Heroen der modernen jüdischen Geschichtsforschung (Salomo Jehuda Rappaport, Nachman Krochmal, Abraham Harkavy usw.) sowie die Schöpfer der achtunggebietenden neuhebräischen Literatur (Mapu, Smolenskin, Lewinsohn, Gordon, Perez, Bialik, Achad Haam usw.) sind sämtlich Zöglinge des Cheder. Im Ghetto hat es nie einen gesetzlichen oder irgend einen anderen öffentlichen Schulzwang gegeben, durch den die Eltern unter Androhung von Strafen angehalten werden sollten, ihre Kinder in die Schule zu schicken. Und doch hat *) Auch bei den jüdischen Gemeinden Deutschlands war der „Cheder" bis gegen Ende des XVIII. Jahrhunderts heimisch. Auf den Einfluß Mendelssohns und Hartwig Wesselys (durch des letzteren Schrift „Dibre schalom weemet") verschwand in Deutschland der Cheder gänzlich, ohne daß bis heute trotz verschiedener Schulprogramme und allerhand Versuche durch Begründung sogenannter Religionsschulen für den Cheder ein Ersatz gefunden worden wäre, der der immer mehr umsichgreifenden Entfremdung der Jugend in Deutschland vom Judentum und jüdischer Religion Einhalt gebieten soll.

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