Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Die wirtschaftliche Bedeutung des Zionismus in der Türkei
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 448 (sequence 12)
- Language
- German
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448 Eugen Hoeflich: anderem Gebiete: insbesondere in dem Verhältnis der Juden zur einheimischen Bevölkerung. Hier wird der Zionismus seine Meisterprüfung zu bestehen haben, denn nur dann — dies kann nicht eindringlich genug betont werden — nur dann, wenn Araber und Juden in freudiger Gemeinschaft an dem Wiederaufbau Palästinas arbeiten, können wir dem Zionismus, dem jüdischen Kolonisationswerk, eine günstige Zukunft verheißen. Breslau Fritz Sternberg AUS EINEM JERUSALEMER TAGEBUCH 6. April Vorabend des Passahfestes an der Klagemauer. Stärker als je ergriff mich heute dieser Anblick gottergebener Hoffnung. Kopf an Kopf standen die Juden in ungeheuer feierlichen roten, grünen und gelben seidenen Burnussen und klagten ihre Trauer in die Fugen der mächtigen Quadern. Hier sah ich das Judentum mit allen seinen Schönheiten, aber auch mit allen seinen Fehlern. Ich sah wahrhaft königliche Gestalten bucharischer Bergjuden, abweisend gegen alles Äußere waren sie im ekstatischen Gebet versunken; weinende Frauen, hingegeben dem Jammer unserer Geschichte, sah ich den Boden küssen; kleine galizische Juden, in ihrer Kleidung wieder orientalisch, sah ich den Kopf an die Mauer geschmiegt weinen in Demut vor dem Grandiosen, das sich in dieser riesigen Mauer versinnbildlicht. — Ein alter Jude gab mir zwei Dochte in die Hand, die ich anzündete. Dann segnete er mich. Diese schöne Sitte ist aber zum Geschäft geworden. Geschäftsmäßig klangen seine Worte, und als ich ihm dann einige Piaster gab, rief er mir nach, um mehr zu verlangen. Aber wenn auch diese Verquickung des Erhabenen mit dem Geld Ekel erregt, muß man es verzeihen können, wenn man das ungeheure Elend gesehen hat, das Menschen auf der Straße wie Tiere verenden läßt. 7. April In der Altstadt fand ich ein uraltes Haus, dessen Eingang so nieder ist, daß man sich beim Eintreten tief bücken muß: die Synagoge der Kabbalisten. Eine enge dunkle Treppe kroch ich empor, schritt über ein schmales Dach mit einer plötzlichen Lichtfülle und betrat einen kleinen Raum mit weißgetünchten Wänden. Rings an den Wänden, die sich zu einer offenen Kuppel eröffneten, liefen orientalische Diwane, auf denen Männer mit scharfgeschnittenen Zügen und langen Bärten saßen. Ihre schwarzen Turbane erhöhten das Weiße ihrer Burnusse. Sie sangen im edelsten Hebräisch — sie und Knaben beim Fenster mit sonderbar innerlich-ernsten Mienen — Gesänge in wunderbar klingenden Melodien. Dann standen sie plötzlich auf und gingen unter Gesang, geführt von einem uralten Chacham, um einen genau unter der Kuppel stehenden Tisch im langsamen Schritt herum. Das Zimmer versank vor mir und ich sah nur undeutlich die ehrwürdigen weißen Gestalten und den Namen Gottes in Marmor geschlagen oder auf ein Schild geschrieben auf jeder der vier Wände. Wie aus weiter Ferne kamen die Melodien