Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Die "kleinen Nationen"
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 436 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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436 M. R.: Die „kleinen Nationen" eine nationale Frage ohne immanente Lösung aus der Welt zu schaffen, nicht mehr zur Verfügung steht: das ist die Ausrottung des betreffenden Volkes. Bleibt somit nur die Alternative einer Unterdrückung — was zu einer Verkümmerung der betreffenden Volksgenossen führt, die sie zu Mitgliedern einer „Menschheit" ungeeignet macht — und einer Förderung, die somit einzig möglich ist. Ein anderes ist die Frage des Staates. Die Frage, ob es empfehlenswert und wünschenswert ist, jedem dieser Völker eine durchaus selbständige Exekutive zu verleihen. Hier hat Franz Blei am Beispiel der Balkanvölker mit Recht darauf hingewiesen, daß die nationalen Energien, die der selbständige Staatsapparat verzehrt, der viel notwendigeren kulturellen Arbeit verloren gehen. Und Bernard Shaw, der Autonomie für Irland wünscht und die Bestrebungen nach staatlicher Selbständigkeit ablehnt, läßt jemand in einem seiner Stücke etwa ausrufen: „Glückliches Polen, man hat ihm die Mühe des Regierens abgenommen; nun hat es für bessere Dinge Zeit." Gewiß genügt meist die national-kulturelle Autonomie im gemeinschaftlichen Staatsverband. Nicht einmal ein Föderalismus ist notwendig. Der Zionismus denkt jedenfalls nicht im entferntesten an eine kleinstaatliche Komödie. Seine Bestrebungen sind einzig auf die sozial-kulturelle Regeneration des jüdischen Volkes auf jüdischem Boden gerichtet. Allerdings darf auch das Volk sich nicht als Selbstzweck wähnen. Auch ihm ist eine Aufgabe gesetzt und ein Ziel, und es muß dafür Sorge tragen, daß der Staat weiter nichts ist als seine Exekutive. Wo die „Staatsidee die Nationalidee verschluckt", ist die Gemeinschaft desethisiert worden und wieder zu einem Zweckverband herabgesetzt. Und das Resultat ist dann ein Weltkrieg, der mit Unrecht ein „Endeffekt der allgemeinen Nationalisierung der Erde" genannt wird. Mit Unrecht. Denn nicht die Völker, sondern die Staaten führen den Krieg, oder vielmehr: der Einzelne nicht als Angehöriger eines Volkes sondern eines Staates. Dies wird dem Deutschen des Deutschen Reiches vielleicht nicht so leicht sein, zu erkennen, weil die Ideologie dieses Krieges, die so ideenverlassen ist, überall ihre Anleihen macht und in national einheitlichen Staaten die nationale Ideologie dazu am naheliegendsten ist. Aber in jedem Nationalitätenstaate tritt dies klar hervor: der Staat als Interessenverband ist die treibende Kraft. An tausend Einzelheiten ist dies zu merken. Am elementarsten bei jenen, deren engere Heimat etwa vom Gegner besetzt ist. Unmittelbar wird dieser dadurch zum „Feind". Aber es gibt auch andere, weniger eindringliche Interessen. Wie groß ist nicht heute die Zahl jener, deren materielles Interesse unmittelbar mit dem Staate, dem sie angehören, verknüpft ist! Und fast ausnahmslos das Interesse der übrigen mittelbar*). Ubi bene ibi patria heißt schon ubi vivo ibi patria, geht bis in den Tod und erstickt jede Stimme des Blutes, wirkt gegen jedes nationale Gefühl. Daher waren die russischen Polen ebenso gute russische Patrioten geblieben, als die österreichischen österreichische (bei den ersten Operationen; heute gehen sie ihre eigenen Wege). Daher haben die russischen Deutschen bei Kriegsausbruch sich mit aufrichtigen Loyalitätsbeteuerungen beeilt. Daher, vor allem, ist jede Hoffnung der Entente auf einen Zerfall Österreichs zunichte geworden. Und ein tragisches Schulbeispiel bieten die Juden der Grenzgebiete, *) Auch dem Arbeiter kommt natürlich eine Kriegsentschädigung zugute. Es ist daher zu wenig, wenn er auf sie erst dann verzichtet, wenn er eingesehen hat, daß ein Gewinn nicht mehr herausschauen kann.