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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 5-6 · p. 427

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Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 5-6
Article
Ein verschlossener Garten
Date
1917-01-01
Page
427 (sequence 3)
Language
German
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Bemerkungen 427 Auch die Forderung der Schaffung eines „religiös-ethischen Instituts" hat ein gewisses Analogon bei Achad Haam. Seine Abhandlung „Hammussar Halleumi" schließt mit einer praktischen Anregung, die allerdings zunächst an die „Nationaljuden" gerichtet ist. Da meines Wissens der Aufsatz noch nicht in deutscher Überzetzung vorliegt, will ich die betreffende Stelle hier wiederzugeben versuchen. „Vor ungefähr zwanzig Jahren entstand in Amerika eine neue ethische Bewegung, die sich hernach in England und Deutschland gleichfalls verbreitete. Ihr Urheber, der zugleich von Anbeginn an ihrer Spitze steht, ist ein Jude, Dr. Felix Adler. Als er sah, daß die Säulen der Religion in den meisten Kulturländern immer stärker ins Wanken gerieten und mit ihnen zumal das darauf errichtete sittliche Leben gefährdet wurde, gründete er „ethische Vereine" mit der Bestimmung, die ethischen Fragen auf den Grundlagen der Wissenschaft und des gesunden Menschenverstandes zu klären und das sittliche Gefühl in den Herzen der Verbandsmitglieder selbst wie bei Außenstehenden zu festigen und zwar ohne jede Beziehung zur Religion, weder in freundlichem noch in gegnerischem Sinn. Heute gibt es in den genannten Ländern schon viele solche Vereine, die bereits auf das Resultat ihrer nützlichen Tätigkeit verweisen können, sowohl hinsichtlich der Klärung theoretischer Probleme als im Hinblick auf die ethische Volksbildung; dergestalt, daß viele Geistlichen, die anfänglich der Bewegung mißtrauten aus Furcht, sie könnte heimlich antireligiöse Tendenzen verfolgen, sie schließlich selbst unterstützten und vielerorten an der Vereinsarbeit teilnehmen, nachdem sie sich allmählich überzeugt hatten, daß sie der Sittlichkeit nur Nutzen bringt ohne im geringsten der Religion Schaden zuzufügen. — Ich will hier jedoch nicht das Wesen dieser Vereine und die Beschaffenheit ihrer Tätigkeit im einzelnen erörtern, was viel zu weit führen würde. Ich erwähne nur ihre Existenz überhaupt, damit unsere „Aufgeklärten", die es für eine Weisheit erachten, über alles zu spotten, was sich nicht nach „Schekeln" bewerten läßt, erfahren und wissen, daß „Ethizisten" nicht allein unter den Peruschim in Slowodka zu finden sind. Unsere Nationaljuden brauchten sich also durchaus nicht zu schämen — seien es Chowewe Zion oder Zionisten oder einfach Nationalisten — wenn sie sich ebenfalls in Verbänden vereinigten zur Erforschung und zum Studium der Probleme der nationalen Ethik, so daß sie die Möglichkeit gewännen, ihre Pflicht zu erkennen und zu tun. In solchen Vereinen könnten nicht nur Fachgelehrte zusammenwirken, sondern alle Juden, die als nationale Juden leben wollen. Im eigenen Innern, in der Familie, in der Öffentlichkeit — überall findet jeder Einzelne Stoff genug zum Nachdenken und Fragen. Der Verein aber hätte die Aufgabe, die aufgeworfenen Fragen zu diskutieren, womöglich zu beantworten oder einem Gelehrten vorzulegen, daß er die Lösung suche und das Ergebnis seiner Forschung dem Verein unterbreite. Durch derartige Diskussionen zwischen den Einzelmitgliedern und Einzelvereinen würde die Theorie der nationalen Ethik mehr und mehr geklärt werden und die nationalen Pflichten blieben fernerhin nicht jedem Einzelnen zur beliebigen Erweiterung und Verengerung überlassen". *) Es wäre für die „Wissenschaft des Judentums" an der Zeit, endlich der modernen hebräischen Literatur etwas mehr Beachtung zu schenken; selbst auf die Gefahr hin, daß einige unbekannte arabische Handschriften aus dem Mittelalter weniger „ediert" würden. S. M. Meiamed äußerte einmal in einem Aufsatz mit dem Titel „Chokhmath Israel" **) : eine Seite aus Achad Haams „AIParaschath Derakhim" oder Joseph Klausners „Jahaduth Weenuschiuth" sei wertvoller als viele Werke der westlichen „Wissenschaft des Judentums" zusammengenommen. Die Hyperbel enthält immerhin ein Körnchen Wahrheit. Ohne einem Pragmatismus im Sinne James* zu huldigen, darf man sagen: eine Herabwürdigung der „Wissenschaft des Judentums" wäre es gewiß nicht, wenn sie etwas engere Fühlung mit den lebendigen Kräften nähme, die in der hebräischen Literatur der Gegenwart wirksam sind; wenn sie sich ein bißchen mehr an dem beteiligte, was Achad Haam „Techiath Haruach" nennt. Das hebräische Judentum ringt heute um seine Verjüngung und Erneuerung. Und die „Wissenschaft des Judentums" sollte fremd beiseite stehen und kaum Kenntnis nehmen von dieser „werdenden Welt"? Abraham Schlesinger *) AI Paraschath Derakhim II S. 89 f. **) „Haschiloach" Bd. 24. S. 385**-

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