Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Ein verschlossener Garten
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 426 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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426 Bemerkungen wie fremd und gleichgültig unsere westjüdische „Wissenschaft des Judentums" dem modernen hebräischen Geistesleben gegenübersteht. Seit 25 Jahren bemüht sich der tiefste Denker und zugleich glänzendste Schriftsteller des originalen d. h. hebräischen Judentums, Achad Haam, den Begriff der Gerechtigkeit als fundierende Idee der historischen jüdischen Ethik aufzuweisen und klarzulegen. Mehrere seiner Abhandlungen erörtern das Thema, z. B. „Middath Haddin Umiddath Harachamim", „Kohen Wenabhi", „Schinnuj Haarakhin"(mit Nachtrag), „Möschen". Besonders eingehend beschäftigt sich der Aufsatz „AI Schete Hasseippim" mit den Begriffen Gerechtigkeit und Liebe in ihrem gegenseitigen Verhältnis und ihrer Stellung im Judentum und Christentum.*) Achad Haam findet, daß die Idee der Gerechtigkeit die ethische Grundlage der Thora ausmache und überhaupt der historischen jüdischen Lebensanschauung; im prinzipiellen Gegensatz zum Evangelium bzw. zum Christentum, das sich durchaus auf der Idee der Liebe aufbaue. Er sucht eine Erklärung dieser prinzipiellen theoretischen Gegensätzlichkeit und kommt zu dem Ergebnis: sie beruhe auf einer Wesensverschiedenheit der psychischen Grundlagen, auf differenten charakterologischen Eigentümlichkeiten der erlebenden bzw. produzierenden Subjekte. Die das ethisch-religiöse Denken der historischen jüdischen Gemeinschaft letztlich bestimmende Erlebnisgrundlage erscheint Achad Haam als eine absolute Abstraktionstendenz; die des christlichen (wie übrigens auch des islamitischen) ethisch-religiösen Denkens als eine entschiedene Konkretisierungs-oder Personifikationstendenz.**) *) Achad Haam, AI Paraschath Derakhim IV. Bd. Berlin 1913, S. 38 ff. **) Nebenbei sei darauf hingewiesen, daß auch Travers Herford, Das pharisäische Judentum, ganz ähnlich den Hauptunterschied zwischen Thora und Evangelium bestimmt. S. I35ff; Schlußkapitel, besonders S. 255ff. Ebenso stimmt mit Achad Haams psychologischer Erklärung die bekannte These Hermann Cohens überein vom antimythologischen Charakter des Judentums gegenüber dem mythologischen des Christentums (Religion und Sittlichkeit). Mythologie ist psychologisch gesehen Dingbeseelung, Vermenschlichung, Personifikation. (Implicite findet sich 4er Gedanke auch bei Abraham Geiger, Das Judentum und seine Geschichte, Breslau 1910 So erklärt sich ihm psychologisch die streng abstrakte Konzeption des ethisch - religiösen Ideals des historischen Judentums: die gestaltlose, über alle Anschaubarkeit hinausgehobene Gottheit; im Gegensatz zur christlichen Persönlichkeitskonzeption des Gottessohnes (oder der mohammedanischen des Propheten). So erklärt sich ihm ferner das abstrakte ethisch-religiöse Ziel des historischen Judentums: die Glückseligkeit und Vervollkommnung der eigennationalen und weiterhin der gesamtmenschlichen Allgemeinheit; im Gegensatz zur individuellen Erlösung des Christentums. So erklärt sich ihm endlich die abstrakte ethisch-religiöse Grundlage des historischen Judentums: die objektive Gerechtigkeit; im Gegensatz zur subjektiven Liebe des Christentums. Die Abhandlung „AI Schete Hasseippim" rief bei ihrer Veröffentlichung im Jahre 1910 eine ungewöhnliche Bewegung in der hebräischen Welt hervor. S. Hurwitz opponierte leidenschaftlich in seinem „Heathid"*), Joseph Klausner trat ihm im „Haschiloach" entgegen, ein allzu früh geschiedener Schriftsteller, Ben Israel, widmete der Frage, ebenfalls im „Haschiloach", einen seiner „Briefe", Achad Haam selbst ergriff nochmals das Wort. Immer weitere Kreise beteiligten sich an dem literarischen Streite. Man fühlte, daß es um eine Kernfrage des modernen Judentums ging. Von alledem scheint der Verfasser des Aufsatzes in der „Monatsschrift" wenig zu wissen — wie ja auch, wenigstens soweit meine Kenntnis reicht, die ganze „Wissenschaft des Judentums" die wichtige Angelegenheit völlig ignorierte. Dies muß um so mehr Wunder nehmen, als die meisten der zur Sache gehörigen Abhandlungen Achad Haams, darunter „AI Schete Hasseippim", schon längst eine deutsche Übersetzung gefunden haben,**) so daß sie sogar jenen jüdidischen Gelehrten zugänglich sind, die das Studium oder nur die Beachtung unserer hebräischen Gegenwartsliteratur offenbar für überflüssig halten. S. 147.) Vrgl. dazu als eine Art argumentum e contrario die Bestrebungen Martin Bubers, die my thisc he Tendenz des nichtoffiziellen, „unterirdischen" Judentums darzutun (Vom Geist des Judentums). *) „Heathid" Bd. III und IV. *•) Achad Haam, Am Scheidewege. Berlin 1913 und 1916. Eine Übersetzung von „AI Schete Hasseippim" ist, soviel ich weiß, schon 1910 in „Ost und West" erschienen.