Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Ernsthafter Fall und kuriose Geschichte
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 422 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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422 Bemerkungen treten, wenn er nicht eben ein Praktiker oder Pragmatiker wäre, der sich sein Ziel nicht gar zu weit jenseits der jetzt sichtbaren Wirklichkeit steckt. Hol mich der Teufel, ich habe so viel Achtung vor der Menschlichkeit Walther Rathenaus und ihrer Beinahetragik, daß ich ruhig aussprechen will, was mich zur Bezeichnung seiner Art das Treffendste dünkt; es wäre ja auch gar keine Schande für ihn, so zu denken und mit solchen Willensregungen zu spielen: ich empfinde nämlich seine Behandlung all dieser Dinge so, als ob irgendwo in ihm der Gedanke lebte: ich Walther Ra* thenau habe nur zu fordern und anzuregen, was ich selbst der Ausführung nähern könnte, wenn Wilhelm II. mich morgen zum Reichskanzler ernennen würde. Er bekennt sich also zum kirchenlosen Glauben, zur freien Gemeinde, zum persönlichen Bekenntnis, er ist gegen die Staatskirche, politische Folgerungen aus dem Glaubensbekenntnis eines Staatsbürgers zu ziehen, ist unzulässig. Keine religiöse Schule, keine geistliche Schulaufsicht. Aber durchaus christlicher Staat, ,,denn auf seinem Boden sind wir und mit uns die gesamte abendländische Welt der Gedanken und Gefühle erwachsen"; religiöse Erziehung, „der Staat mag durch seine weltlichen Organe die Lehre überwachen, damit sie nichts verkünde, was der Sitte oder einem Glauben zu nahe tritt. Er mag auch die Ausübung und Annahme religiöser Unterweisung fordern und überwachen und ihr Ergebnis prüfen". Aber kein Zwang zu irgendeiner bestimmten Form; und daran schließen sich dann Worte von dem mündigen und gebildeten Volk, und gar: „Wir leben und atmen der Freiheit entgegen." Das alles klingt noch nicht einmal wie von einem Kanzler des Jahres 1920; dieses noch nicht gar Liberale, dieses Liberalisierende erinnert an die Konzepte Bethmann Hollwegs.*) Stünde dieser Walther Rathenau, der da schrieb, am Scheideweg zwischen Fichte und Wilhelm von Humboldt, er würde Hardenberg wählen. Hätte aber dabei immer eine Unruhe in sich, die durch all sein gepflegtes Wesen hindurch das Beste, das wahrhaft Wesentliche an ihm ist, denn er weiß von tiefen Dingen, weiß von der Mystik, weiß vom Heroischen, weiß von Umkehr, Umschwung und Neubeginn, und irgend etwas in ihm weiß nicht bloß davon, sondern hätte so sein können, wenn ein andres in ihm es hätte bewilligen können. Gustav Landauer *) Der noch Kanzler war, als dieses geschrieben wurde. G. L. bei der Korrektur. Pro Confessione (Ein Brief) Verstatten Sie mir, hochgeehrter und lieber Herr Doktor, einige Betrachtungen zur Kontroverse Trützschler-Rathenau. Daß die ritterlich angetragene Fehde des sichtlichen Outsiders von einem geistigen Vertreter der deutschen Judenheit aufgenommen werden mußte, bedarf keiner Erörterung. Nur: können wir stärker Gebundenen das mattresignierte Aquarellbild der erfolgten Antwort stillschweigend gelten lassen, wo wir doch in den uns umschließenden Sphären ganz andere Intensitäten schauen? „Dennoch läßt der reine Begriff des Judentums, wie der des Christentums sich zeitlos im Bilde der Ewigkeit erfassen." Und nach diesen bedeutend einleitenden Worten wird dann eine vollkommen subjektive Darstellung gegeben, die ganz in der schwächenden Bildungsnarkose so vieler wissender Geister unserer Tage befangen geblieben ist. „Die mosaische Religion bildet keine Kirche. Mögen ihre Bekenner durch Landesgesetzgebung zu Religionsgemeinschaften vereinigt sein: diese Bindung ist des Staates, nicht des Glaubens. Es gibt keinen Tempel. Der eine, der auf Zion stand, ist zerstört; kein Gesetz fordert seinen Aufbau. Die Synagogen sind Andachtsstätten, in denen nach Belieben der Gemeinden Kulthandlungen vorgenommen werden können. Das Einigende dieses kirchenlosen Glaubens ist nur dieses: das Bekenntnis zur göttlichen Einheit. Lange galten die Bücher des Pentateuchs als kanonisch, andere kanonische Schriften hat es nie gegeben. Die prophetischen, historischen und poetischen Bücher des Alten Testaments usw. sind immer Menschenwerk geblieben. Weder der messianische Glaube noch die Welterschaffung bilden unveräußerliche Teile des religiösen Heil- und Weistums des gläubigen Juden. Der mosaische Glaube ist nicht nur kirchenfrei, er ist auch dogmenlos." „Ich stehe auf dem Boden der Evangelien. Im Dogmatisch-Mythologischen freilich gehe ich eigene Wege, etwa so, wie fast alle meine christlich gläubigen Freunde ... Dieser Glaube ist dem Schoß des Judentums entsprossen. Will ein Dissident, ein Muselmann, ein Buddhist solchem Glauben, wenn er seiner innersten Überzeugung entspricht, den Stempel eines herkömmlichen Bekenntnisses aufdrücken, so scheint mir der mosaische Monotheismus kraft seiner Freiheit von Dogma und Kirche das einzige Bekenntnis zu