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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 5-6 · p. 421

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 5-6
Article
Ernsthafter Fall und kuriose Geschichte
Date
1917-01-01
Page
421 (sequence 2)
Language
German
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Bemerkungen 421 hat sich mir aufgedrängt, ich habe sie nicht gesucht. Dem gegenüber ist mir viel weniger wichtig, wovon sich die beiden unterhalten. Trützschler von Falkenstein hat sich „entschlossen, zu der Lösung der Judenfrage beizutragen". Er tut es, indem er die Juden recht herzlich auffordert, Christen zu werden; die christliche Nächstenliebe bedeute der jüdischen Morallehre gegenüber nun einmal einen Fortschritt. Er hat lediglich die deutschen Juden und unter ihnen eigentlich nur die besser Situierten im Auge. Diese sind durch den Handelsgeist, zu dem die argen Christen sie durch Zwang gebracht haben, verdorben; läßt sie der Staat „zu seinen Näpfen" (als Beamte, Offiziere und dergleichen), so wird sich das bessern. Sie werden sich bessern zusammen mit uns christlichen Deutschen; wie böse sieht es auch da aus! Und in diesem Zusammenhang fallen schöne, gütige, menschliche und sogar treffsichere Worte, zumal im Anschluß an die Lehren des Krieges. Der Krieg ist gekommen, weil die Liebe gefehlt hat. Liebe Leutchen ihr, liebe Juden, gehen wir doch nun von jetzt an zusammen in uns, halten und heben wir uns gegenseitig! Ich glaube, in diesem kurzen Bericht das Ungenügende, Drollige, aber auch das Ernste der Schrift getroffen zu haben. Ich fürchte, wenn nicht eine Erfahrung meines Lebens wäre, wäre ich viel mehr zum Lachen geneigt gewesen, als ich mir jetzt erlaube. Diese Erfahrung heißt M. von Egidy. Als ich seine erste Veröffentlichung, die Ernsten Gedanken, als zwanzigjähriger Student kennen lernte, konnte ich fast lachend gar nicht begreifen, daß da das Sichere, Altbekannte noch einmal entdeckt und so dringend und beschwörend vorgebracht wurde. Als ich das nähere Wirken des Mannes mit ansah, als ich das herrliche Bild, wie da einer wuchs und immerzu wuchs, aber nur in der Öffentlichkeit, nur durch Äußerung und Wirkung wachsen konnte, erst aus der Entfernung, und dann aus nächster Nähe mit ansah, war mir beglücktes Lächeln näher als kritisches Lachen. Und so einer, dünkt mich, könnte auch Curt Trützschler von Falkenstein werden; er könnte, wenn die Anzeichen nicht trügen, so ein Werdender sein. Entschieden soll man ihm sagen, daß er noch viel 2U lernen hat, daß es ein starkes Stück *st> mit wie wenig und wie schnell erlernten Kenntnissen oft zweifelhafter Herkunft und Art er sich über jüdische Dinge äußert. Die apodiktische Kürze seiner Feststellungen erinnert mich an meine fünfaktigen Dramen, dle ich in immerwährendem Papiermangel als Achtjähriger auf den beiden leeren Umschlag- Seiten eines alten Schulheftes vollendete; als Beispiel diene, wie er seine Leser über die Geschichte des Zionismus unterrichtet; „Der Zionisten-Verein wurde im Jahre 1897 in Basel auf dem ersten Zionistenkongreß auf Anregung von Theodor Hertel gegründet, ihr Organ ist die Wochenschrift „die Welt". Aber man soll achtungsvoll, ohne Gönnerschaft und, wenn er's haben will, herzlich mit ihm reden. Vielleicht ist er so einer, der lehrend lernen muß; dann soll er nur weiterschreiben. Gutes, ja Treffliches wird schon immer hier und da mit unterlaufen. An dieser Stelle brauche ich ihm, was Judentum angeht, gar nicht mehr sagen. Er soll nur den „Juden" lesen; dann wird ihm so langsam aufgehen, daß die eigentlich jüdischen Fragen ganz andere sind, als er gemeint hatte, und daß wir uns um das Schicksal der paar jüdischen Bankiers, Kaufleute und Journalisten in Deutschland nicht gerade in erster Linie bekümmern. Was gibt nun dem hoffnungsvollen Anfänger der vollendete Schriftsteller zur Antwort? Ganz gewiß nicht, was hier gesagt wird; Rathenau teilt weder meine Ansichten noch meine Unhöflichkeit. Grenzt die kuriose und sympathische Haltung Herrn von Trützschlers zwar keineswegs ans Verdrehte, aber, doch ans Schiefgewickelte, so muß man für Rathenaus Erwiderung fast ans Gewundene erinnern. Ich würde ihm einen solchen Zweifel an sich selbst und eine solche Gespaltenheit zutrauen, daß ich es für möglich hielte, wenn ihm einer sagte: Aber was du uns da unter dem Namen ,Eine Streitschrift vom Glauben* gibst, ist doch alles andere eher alseine Streitschrift! daß er erstaunt erwiderte: Aber fassest du den Titel denn so auf? Ich meine doch nur, daß ich eine Streitschrift vom Glauben behandle, die Streitschrift des Herrn von Trützschler nämlich! — In der Tat zeugt das Büchlein des Herrn von Trützschler von einer Liebe, die so aktiv ist, daß sie mit klingendem Spiel in den Streit zieht; Walther Rathenau führt eher einen den Gegner und ihn selbst ermattenden Stellungskampf. Dabei wird mit schöner Eleganz viel Wichtiges berührt, manches Vorzügliche gesagt und das Wesentliche vermieden; von der jüdischen Nationalität ist nicht die Rede. Ihn interessiert hier ganz vorwiegend — und darum scheint das Büchlein geschrieben — die künftige deutsche Politik. Die Gefahr des Vorhandenseins der Zentrumspartei scheint ihm näher zu gehen als das ganze jüdische Problem. Er würde, scheint es, für Trennung von Staat und Kirche ein-

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