Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Brief an einen Mißtrauischen
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 420 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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420 Bemerkungen Europäismen waren . . . Ich studiere jetzt die Geschichte des Judentums: der Gedanke seiner Berufung ist nie geschwunden, er hat sich in gewissen Zeiten vielleicht etwas verflacht. Nun aber scheint es mir, als würde er sich wieder konzentrieren und sein Fixpunkt ist naturgemäß das ihm Wesensnächste: das Land seiner Herkunft. Wenn es hier gelingen wird eine Reinkultur zu erzielen, etwas Unvermischtes, dann kann der, der an den Übermenschen im Sinne Nietzsches glaubt, hier das Sprungbrett zu ihm suchen. Ich will durch diesen Brief keineswegs den Versuch unternehmen, Dich zu meiner Ansicht zu bekehren, denn es liegt mir fern, Agitation nach irgendeiner Richtung hin zu treiben — sei es auch nur im engsten Kreise —, und schließlich wäre es ein zweckloses Unterfangen, denn meine Ansichten sind durch die Tatsächlichkeiten vertieft worden, die ich erlebt und habe, deren direkte Kenntnis Dir fehlt. Durch indirektes Sehen aber geht meist die Hauptsache verloren. Ich möchte nichts andres, als daß Du meine Anschauungen achtest, wie ich die Deinen respektiere, wenn ich sie mir auch nicht zu eigen machen kann. Eugen Hoeflich Ernsthafter Fall und kuriose Geschichte Ich besinne mich, wie man das Wort kurios, das ich hier durchaus brauche, mit andern Worten umschreiben könnte. Kurios wäre etwa ein Mensch, der in leicht komischer Art, so daß man ihn nicht recht voll und ernst nehmen, aber auch nicht übersehen kann, original ist. Irgendein, wenn auch leichter Grad von sympathischer Art wird wohl auch dabei sein müssen; einen Lästigen oder Widerwärtigen würde ich nie kurios nennen. Kurios ganz und gar, dabei aber höchst sympathisch finde ich Curt Trützschler von Falkenstein mit seiner Schrift Die Lösung der Judenfrage im Deutschen Reich, die er im eigenen Verlag herausgegeben hat.*) Walther Rathenau, an den der Verfasser in seiner unschuldig-starken Art, wie er's auch sonst macht, die Schrift als Mensch, Zeitgenosse, Autor und Verleger mit der herzlichen Bitte um eine Äußerung geschickt hat, um diese dann zu veröffentlichen, hat darauf ausführlich geantwortet und diese Erwiderung selbst herausgegeben unter dem Titel: Eine Streitschrift vom Glauben.*) Nun denkt mancher vielleicht, kurios nenne ich das Büchlein des deutschen Adelsmanns und ernsthaft die Antwort Rathenaus. Ja, das könnte man schon, indem Trützschler von Falkenstein als ehrlicher Dilettant, Rathenau als feinstgebildeter Publizist wirkt. Aber ich meine es anders und rede garnicht von einer Sache, sondern von einem ernsthaften Fall, wo etwelches Kopfschütteln und Beklagen dabei ist. Und eine kuriose Geschichte und ernsthafter Fall zugleich ist das Verhältnis der beiden zueinander. Curt Trützschler von Falkenstein tritt auf als eine vornehme Natur, als ein blutiger Dilettant, frisch, fromm, frei und keineswegs ganz ohne die nicht eben unsympathische aber auch nicht immer willkommene junkerliche Eigenschaft, die man bei Juden Chuzpe nennt; ist man auf der letzten Seite des Buches angekommen, so hat einen seine kindliche, gütige und willenskräftige Art ganz entwaffnet, was seine Person angeht. Eine gesunde Natur, der gutes Benehmen nicht fehlt, die aber keinen übertriebenen Wert darauf legt. Ihm tritt nun Walther Rathenau als der zur Gegenäußerung aufgerufene Jude gegenüber: soigniert, aristokratisch, behutsam beinahe bis zum Tänzerischen, diplomatisch fast bis zum Seitenblick auf künftige Möglichkeiten und zart bis zur Kraftlosigkeit. Der Adelsmann ein Anfänger auch in dem Sinne, daß man ihm Wandlungsfähigkeit und Wachstum zutraut, daß er urwüchsig und jung zu sein scheint, der Jude das vollendete Bild des Erben. Die Rollen sind keineswegs so vertauscht, daß der Adlige wie ein Jude, der Jude wie ein Adliger wirkt, sondern alle beide repräsentieren sie zwei verschiedene Typen des Adels: der eine die Natur mit dem ausgeruhten Kopf; der andere den Geist, der viel und scharf und in tiefe Gebiete hinein denkt, von dieser Übung des eigenen Wesens aber so wenig müde würde, wie die Natur sich je selber aufbraucht und zermürbt, und doch matt und schwächlich wird, weil die Natur, die ihn nähren sollte, entweder unkräftig ist oder von ihm zaghaft und-wie irgendwie mit Absichten zurückgedrängt und in Bande geschlagen ist. Dieser Eindruck, diese Gegenüberstellung *) Falkenverlag zu Darmstadt, 1917. 48 *) S. Fischers Verlag, Berlin, 1917. 42 Sei- Seiten. ten.